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Zweiter Band.
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Sechstes Buch. III. Fremdherrschaft und Romantik.

In. Fichtes späteren Jahren nämlich trat an die Stelle seiner moralischen Weltordnungeine pantheistische Gottheit. Er wurde religiös und christlich; er fand sein Evangelium indein des Johannes, dessen „Fleischwerdung des Wortes" Fichte aber nicht ausschließlich aufChristus, sondern auf jeden sich völlig an Gott hingebenden Menschen bezog. So wurde seinSystem ein mystisches. Diesen Charakter trug auch die Philosophie seines Schülers, desWürttembergers Friedrich Wilhelm Joses Schelling (1775—1854), der sein System aller-dings oft änderte, doch nur derart, daß sich die Herausbildung einer Phase aus der anderenleicht erklären ließ. Schelling führte die Natur in die deutsche Philosophie ein. Er nanntesie den sichtbaren Geist, wie den Geist die unsichtbare Natur; die Einheit beider fand er inder Weltseele, deren erhabenste Äußerung er in der Kunst erblickte. Die höchste Ent-wickelung der Religion sah er in der Verschmelzung mit Philosophie und Poesie. Es warunvermeidlich, daß bei dieser Auffassung, und zwar in rascher Zeitfolge, das Ideale immermehr überwog und das Reale immer mehr zurücktrat. Schon in der im Jahre 1804 er-schienenen Schrift „Philosophie und Religion" ließ er die Welt durch einen Abfall von Gottentstehen und stellte als Ziel der Geschichte die vollendete Offenbarung Gottes hin. Und soging es weiter; bereits 1809 war für ihn die Schwärmerei die wahre Wissenschaft und JakobBöhm (S. 270 s.) der größte Philosoph. Endlich versank Schelling geradezu in die Verherr-lichung des Aberglaubens und damit in die Feindschaft gegen jede Forschung.

Nicht soweit in der Reaktion selbst, aber weit genug in allerdings berechtigten Mahnungen,sich in die Tiefe der Gemütswelt zu versenken, ging der protestantische Theolog FriedrichDaniel Schleiermacher, der im Jahre 1768 in Breslau geboren worden, seit 1796 Pre-diger, später Professor in Berlin war und 1834 gestorben ist. Seine im letzten Jahre desachtzehnten Jahrhunderts veröffentlichten, großes Aufsehen erregenden „Reden über die Religionan die Gebildeten unter ihren Verächtern", wie auch seine späteren Schriften lehrten dieEinheit des Menschen mit Gott in einem vertieften Gemütslebcn. In Bezug auf die Kirchen-lehre freilich war Schleiermacher sich selbst wenig klar; aus seinen theologischen Schriften konnteder höchste Freisinn, wie die tiefste Dogmenverehrung herausgelesen und herausgedeutet werden.

Schelling und Schleiermacher standen in engster Verbindung mit den Romantikern, welcheaus ihren unklaren Lehren die höchst klare Folgerung zogen, daß die Phantasie allmächtig undihre Willkür schrankenlos sei. Wie Schelling alles Mögliche in die Natur hineinzudeuten und„hineinzugeheimnissen" sich bemühte, so brachten sie alles nur irgend Denkbare in die Poesiehinein und schufen in ihr künstliche Geheimnisse, die sie der Natur abgelauscht zu haben be-haupteten. So war es für sie anfangs ein Geheimnis, welches aber immer offenbarer wurde,daß die wahre Religion, in der sich nach Schellings Lehre Philosophie und Poesie innig ver-schmelzen sollten, keine andere als die des geliebten und zurückersehnten Mittelälters mit ihrembestechenden Kult sei. Die echten Romantiker zu Anfang unseres Jahrhunderts wurden entwederkatholisch oder liebäugelten doch wenigstens mit der römischen Kirche, in welcher sie die gesuchteEinheit des Lebens, Fühlens, Dichtens und Strebens erblickten, — natürlich ohne die Geschichteder Kirche zu berücksichtigen oder auch nur genügend zu kennen. Rittertum und Kirchentum:das war für sie die „mondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält, die wundervolleMärchenwelt, die in der alten Pracht aufsteigen" füllte. In dem Streben, sich allem Zwangzu entziehen, welchen sie in der Hoheit der klassischen Dichtung witterten, und der vollen Freiheitentgegenzufliegen, verirrten sie sich in die Fesseln des Glaubens und merkten nicht, daß sieselbst gefangen waren.

Die Kriegszeit und Fremdherrschaft, welche die Gemüter bedrückte, hatte eine äußersteZerfahrenheit im geistigen Leben Deutschlands, eine Verzweiflung an der Zukunft, eine Ver-senkung in das innere Leben des Ich, d. h. in thatloses Träumen zur Folge gehabt. Währenddie Durchschnittsmenschen über Kotzebues Stücke lachten oder sich von Heinrich Lafontaineslangweiligen Romanen zu Thränen rühren ließen, fühlte die Elite der Gesellschaft ein an-genehmes Prickeln beim Lesen der buntschillernden Seifenblasen des romantischen Gaukelspiels.

Die drei Häupter der romantischen Schule waren der 1773 in Berlin geborene und 1853in Dresden gestorbene Ludwig Tieck als Dichter; August Wilhelm Schlegel, der 1767 in