Band 
Zweiter Band.
Seite
411
JPEG-Download
 

Die Philosophie Schellings und Schleiermachers. Die romantische Schule. 411

Hannover geboren wurde und 1845 in Bonn starb, als Übersetzer und sein fünf Jahre jüngererBruder Friedrich Schlegel, welcher indes schon 1829 in Dresden starb, als Ästhetiker. Indem Jahre nach Schellings Auftreten und dem Erscheinen von Schleiermachers „Reden" tratenTieck und Friedrich Schlegel zugleich mit den ästhetischen Theorien der Romantik hervor, inderen Aufstellung Tieck von seinem schon ein Jahr vorher früh verstorbenen Freunde, demGermanisten Wackenroder, Verfasser der „Herzensergießungen eines kunstliebenden Kloster-bruders", unterstützt worden war. Im nämlichen Jahre erschien auch Friedrich Schlegelsberüchtigter sogenannter Roman „Lucinde": ein kunstloser Mischmasch lüsterner Schilderungen,den Schleiermacher zu loben die Schwäche hatte. Tiecks erste Werke schwärmten für denKatholizismus. Friedrich Schlegel, welcher Ästhetiker, aber kein Dichter war, wurde selbst (1801)nicht nur Katholik, sondern auch Fanatiker und ein Werkzeug dieser am österreichischen Hofeherrschenden Richtung, der auch seine litterar-historischen und philosophischen Werke dienen.Sein Bruder August Wilhelm, der als Dichter ohne Wärme war, hielt sich am freiesten vonsolchen Tendenzen. In Gemeinschaft mit Tieck wurde er der Begründer einer Schule tüchtigerÜbersetzer, welche sowohl den großen Shakespeare in die deutsche Litteratur eingeführt, wieauch das noch unbekannte reiche Feld der romanischen Litteraturen den Deutschen erschlossenhaben. Im Verein mit seinem Bruder hat er uns durch Begründung des Sanskrit-Studiumsden Schlüssel zu der wundervollen Märchenwelt Indiens geschenkt. Es sind dies wirklicheVerdienste der romantischen Schule, die geeignet sind, mit ihren Schwächen und Verkehrtheitenzu versöhnen, wozu ferner beitragen kann, daß sie das gemeine Treiben eines Kotzebue sowohl,wie die platte, ihres Namens unwürdige „Aufklärung" des alten Nicolai und seiner BerlinerMitstreber ertötet hat.

Als Dichter nimmt unter dem Dreiblatte der ersten Romantiker Ludwig Tieck ohneFrage den höchsten Rang ein, wenn er auch neben seinen großen Zeitgenossen Schiller undGoethe ein Zwerg geblieben ist, und sowohl durch seine wirre Phantasie, wie auch durch dieSucht zu reimtollem „Klingklingelwesen" viel Unheil in der Herabsetzung des Geistes durchdas Überwiegen der Form angerichtet hat. Seine Dramen, welche Stoffe der deutschen Volks-bücher (I. S. 444 f.) teils in weitschweifiger, teils in zerfahrener Weise behandeln und vonbeißender Ironie auf die „philisteriösen" Richtungen der Zeit voll sind, sowie seine Grauenerweckenden Märchen hat er tief in den Schatten gestellt durch seine späteren Novellen und durchseinen Roman „Vittoria Accorombona". In diesen Werken war Tieck redlich bestrebt, das roman-tische Übermaß zu zügeln und mit den Anforderungen der klassischen Dichtung zu versöhnen.

An die drei Häupter der Romantik schließt sich zunächst deren jugendlicher Bewunderer,sowie ernstester und aufrichtigster Adept Friedrich von Hardenberg (1772—1801), der sichals Dichter Novalis nannte. Gleichzeitig mit den Theorien der Romantik und der schlüpfrigen„Lucinde" erschien von ihm ein Bruchstück „die Christenheit oder Europa", worin er diehistorisch-politischen Konsequenzen seiner Schule zog, d. h. die Herrschaft des Papsttums überden Erdteil zurückersehnte und die Reformation, ja sogar die Astronomie befehdete, weil letzteredie Erde zu einem unbedeutenden Planeten herabgewürdigt habe! Ein Bruchstück ist auch seinRoman „Heinrich von Ofterdingen" geblieben, in welchem er der Sehnsucht nach der „blauenBlume" der Romantik von der lieblichsten Schilderung dichterischen Lebens bis zum verwirrtestenGefasel die Zügel schießen ließ, — ein Buch, das seltsamerweise ein romantisches Gegenstück zu„Wilhelm Meister" zu bilden bestimmt war! In seinen „Hymnen an die Nacht" vermischteNovalis gefühlsinnig Katholizismus und Pantheismus, himmlische und irdische Liebe.

Eine sogenannte, in Wirklichkeit nur wenig jüngere Generation der Romantiker that sichdenn nach Novalis' Tode und nach dem Erscheinen der Hauptwerke Tiecks und der beidenSchlegel, gerade zur Zeit des tiefsten Elends der Fremdherrschaft, in Berlin unter vorwiegendweiblichem Einfluß zusammen. Ihr Mittelpunkt war der geistvolle, aber ungezügelt dahinlebende Prinz Louis Ferdinand von Preußen, ein haltloser Genußmensch, bis er sich auf-raffte und den kühnen Reitertod für das Vaterland bei Saalfeld fand; später auch der nochzu erwähnende Friedrich von Gentz. Dieser Kreis sah im Jahre 1803 auch die lebhafte Fran-zösin Madame de Stael bei sich, welche in Weimar bei Goethe keine zuvorkommende Auf-