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Sechstes Buch. III. Fremdherrschaft und Romantik.
nähme gefunden hatte, sich aber das Verdienst erworben hat, den Franzosen zmn erstenmalegezeigt zu haben, daß die Deutschen keine Barbaren sind.
Berlin war seit der Zeit des Moses Mendelssohn (S. 340) ein Sammelplatz neuerungs-lnstiger Juden aus allen Landern geworden. Diese, und die Franzosen aus der Zeit des altenFritz, haben ohne Zweifel in den kühlen und straffen märkischen Geist jenes lebhafte, prickelndeElement hineingetragen, welches die Bevölkerung der preußischen Hauptstadt noch heute kenn-zeichnet. Leider haben manche von den in Berlin aufgenommenen Juden jener Zeit mit derGleichgültigkeit gegen den Glauben ihrer Vater auch eine große Rücksichtslosigkeit gegen dieGrundsätze der Moral verbunden. Es trieben dort sehr „problematische Naturen" ihr Wesen;so der vagabundierende polnische Jude Salomo aus Niesziesz, der sich den Namen des großenjüdischen Gelehrten Maimon beilegte und trotz seines unordentlichen Lebens über die Philo-sophie Kants schrieb und für sie Propaganda machte; Ephraim Kuh aus Breslau, der ersteJude, welcher hochdeutsch dichtete, bewunderte ihn. Achtungswerter war Hartwig Wessely ausHamburg, der eigentliche Begründer des Resormjudentums, dessen Schriften die altgesinntenRabbiner verbrannten. Er war ein Freund Mendelssohns, wie auch der Arzt Markus Herz,der mit letzterem für Hebung des Judentums wirkte und die Rabbiner aufforderte, den Syna-gogenbann abzuschaffen. Seine schöne und geistreiche Gattin Henriette, Tochter eines portu-giesischen Juden und einer Christin, die Freundin des Prinzen Louis und Schleiermachers,empfing in ihrem „Salon" die Versammlungen jenes Kreises, dem mancherlei üble Nachreden nichterspart blieben. Demselben gehörten noch zwei geistvolle Jüdinnen an: Dorothea, MendelssohnsTochter und Gattin Friedrich Schlegels, der sie ihrem ersten Manne entrissen hatte und mit demsie auch konvertierte, sowie Rahel Levin, die spätere Frau des Memoirenschreibers Varnhagcnvou Ense. Mit diesen „schönen Seelen", wie sie sich gern nannten, standen auch talentvolleSchriftstellerinnen christlichen Glaubens in Verbindung; so Karoline Michaelis, die in zweiter Ehemit August Wilhelm Schlegel, vou dem sie sich wieder trennte, und in dritter Ehe mit Schellingvermählt war; dann die Stiftsdame Karoline von Günderode, welche unter dem Namen „Tian"Gedichte und Dramen schrieb und sich, erst sechsundzwanzig Jahre alt, aus unglücklicher Liebe(1806) erdolchte; und endlich jene Frau, welche die Verwandtschaft der beiden männlichen Häupterdes „jüngeren" romantischen Kreises vermittelte: Bettina, die Schwester Clemens Brentanosaus Frankfurt a. M. und Gattin Ludwig Achim von Arnims. Als Kind in Goethe verliebt, danneinen Briefwechsel mit ihm erdichtend, legte Bettina (1785—1859) in ihren Schriften, abgesehenvon deren Excentricitäten, reichere Phantasie und mehr wahre Begeisterung an den Tag, als dieMänner der Schule insgesamt. Brentano (1777—1842) war der Sohn eines italienischenKaufmanns, mit dessen Familie Goethes Mutter befreundet war, und der Tochter von WielandsFreundin Sophie von La Röche; er hat einiges Gute geschrieben, wie die wunderschöne, aberim Gräßlichen wühlende „Geschichte vom braven Kaspert und vom schönen Annerl", im übrigenaber versank er in durchaus verworrene Phantastik und endete in lallender Mönchspocsic.Arnim (1781—1831) war mit schönen Anlagen begabt; er verwendete dieselben aber nichtnur zu einigen durch Witz und Phantasie ausgezeichneten Schriften, sondern auch in ttber-schwänglicher Weise zu ernst behandelten Geschichten von Geisterspuk und Zauberwahn; Alraunenund ähnliches Gespensterzeug ließ er auftreten und handeln! Von wertvollerem Inhalt als dieeigenen Werke beider Dichter ist die von ihnen gemeinsam unter dem Titel „Des KnabenWnnderhorn" herausgegebene, freilich unkritisch bearbeitete Sammlung deutscher Volkslieder.
Sehr nahe, was die Phantastik betrifft, kam den genannten Poeten der allen kirchlichenTendenzen ferne stehende Romantiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776—1822).Seine novellistischen Nachtstücke sind wahre litterarische Höllenbreughelsbilder. Bei oft klassischerSprache leisteten sie das äußerste des Grauenhaften und Entsetzenerregenden; zuletzt arteten siein einen von Ausschweifungen und starkem Weingenuß, worin ihr Verfasser mit dem Schau-spieler Ludwig Devrient in Berlin mit genialer Liederlichkeit wetteiferte, genährten Wahnsinnaus. Daneben hat Hoffmann aber auch, in den weit gesunderen „Serapionsbrüdern", austüchtige Weise die kulturhistorische Novelle begründet; überhaupt'ragt er vor den übrigenromantischen Novellisten an Geist, Tiefe und Formgewandtheit hervor.