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Zweiter Band.
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Goethes Alter. Heinrich von Kleist. Fichtes Reden an die deutsche Nation. 415

Zeichnung der Charaktere doch auch von innerer Verwandtschaft mit der „Naturphilosophie"Schellings zeugen und durch diese mit der romantischen Schule, deren leichte Auffassung derEhe hier einen ernsteren und tieferen Widerhall findet, verknüpft sind. Dasselbe Streben nachWeltverbesserungsplänen ohne geschichtliche Grundlage, also nach Unmöglichem, die gleiche eben-sowenig mögliche Verbindung des klassischen mit dem romantischen Wesen, derselbe hohe Flugnach utopischen Traumländern und Wolkengestaden spricht sich in dem erst spät vollendetenbunten Kaleidoskop von Gestaltungen aus, welches Goethe seinem „Faust" als „zweiten Teil"ohne inneren Zusammenhang und ohne Einheit der Handlung hinzufügte. In diesem rätsel-vollen, beinahe übermenschlich-erhabenen Werke ist des Dichters hellenischer Schönheitskultusvon christlich-philosophischer Spekulation überwuchert worden; der Schluß erinnert in auffallendemGrade an die katholischen und sogar mönchischen Tendenzen der Romantiker. Seine späterenJahre, in denen einer seiner Freunde und Gönner nach dem anderen dahinschied, wurden fürGoethe zu einer Zeit der Vereinsamung, die auch mit verursacht wurde durch seine Scheinehemit der ihm bei weitem nicht ebenbürtigen Christiane Vulpius, deren Verwandlung in einerechtliche Heirat den Schaden nicht besserte. Alle Verhältnisse trugen zu seiner immer tieferenEinkehr in sich selbst bei, die ihren Gipfel erreichte, als er sich durch die Wider feinen Willen<1817) erfolgte Hinzuziehung eines Hundes zu einer Vorstellung auf der Bühne Weimars ge-zwungen sah, die Leitung derselben niederzulegen. Diese Vereinsamung, in welcher er an seinenForschungen über Weltlitteratur und an dem Liederbuche des „west-östlichen Divan" eine Er-holung fand, die seinen Kosmopolitismus stärkte, mag auch mitschuldig sein an der Stellung,welche der Dichter in Deutschlands traurigster Zeit einnahm. Ohne Herz für das Unglück desVaterlandes, hatte Goethe den Unterdrücker desselben bewundert; gleichgültig sah er dann dieBefreiung vom fremden Joche, wie die neue Bedrückung Deutschlands an sich vorübergehen, —bis er, nach einer selten einem Menschen vergönnten Dauer des Ruhmes, nicht ganz vier Jahrenach seinem Herzog Karl August, ein und ein halbes Jahr nach dem Tode seines einzigenSohnes, am 22. März 1832, „mehr Licht" verlangend, aus diesem Dasein schied. In herocu-artiger Erhabenheit über allen Streitigkeiten der Menschen hatte der große Dichter sein Lebendurchschritten, welches er selbst während der Zeit seiner mystischen Anwandelungen, in „Dich-tung und Wahrheit" auf die ihm eigene klassische Weise geschildert hatte.

Die ganze Romantik erblaßte vor der Titanengestalt Goethes, den sie nicht zu erreichen ver-mochte, wie sie Schiller nicht hatte erreichen wollen. Aber sie erblaßte auch vor der helden-haften Bewegung, für welche dem Weltbürgergeist Goethes, der zu spät „des EpimenidesErwachen" begrüßt hatte, das Verständnis fehlte, nämlich vor der Erhebung des deutschenVolkes gegen seine fremden Unterdrücker. Auch diese glorreiche, später so traurig verlaufeneBewegung hatte in ihrem Keime ihren großen Dichter: im Keime, weil die Verzweiflung anihrem Gelingen ihn in den frühen Tod trieb. Es war Heinrich von Kleist (1776—1811),der erste Dichter, welcher gegen den noch mächtigen modernen Sesoftris donnerte und ihm seineliberale Maske abriß. Er war ein meteorgleiches Genie, das auf dem glücklich beschnittenenPfade zur klassischen Vollendung wie durch dämonische Mächte zurückgehalten wurde und demGrauenhaften diente, wo es der erhabenen Tragik hätte huldigen können. Als klassischer Erzählerim „Erdbeben von Chile" und im „Michael Kohlhaas" bewährt, richtete Kleist seine Hauptkraftauf das Drama. Er wandelte die Wege der Romantik, mit Anklängen an Shakespeare und anSchillers Frauendramen, in der „Familie Schroffenstein" und im „Käthchen von Heilbronn";die Pfade der antiken Klassik betrat er in der „Penthesilea" und die des modernen Lustspiels im„zerbrochenen Krug". Mit dem großartigsten Talent aber weihte er seine titanische Kraft demVaterland im „Prinzen von Homburg" und in der „Hermannsschlacht", welche von glühendemPatriotismus und heißem Tyrannenhaß erfüllt sind, und deren Wert es keinen Eintrag thut, daßihre vielen Schönheiten mit noch unfertiger Ausbildung des Kunstsinnes kämpfen. Erst unsereGegenwart hat diesen echt deutschen Dichtergeist zu würdigen begonnen; seine Zeit hat ihnverlassen und verstoßen und zum Doppelselbstmorde mit einer phantastischen Freundin getrieben.

Noch früher als Kleist die Stimme der Dichtung, erhob Fichte die der Wissenschaft gegendie Willkür der Eroberer. Während Berlin von den Franzosen besetzt war, 1807 auf 1808,