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Sechstes Buch. IV. Befreiungskämpfe und Restauration.
die ihnen dienenden, hatten nichts gelernt während der Fremdherrschaft: nichts von Deutschland,nur von ihren Erbstaaten wollten sie wissen. Am frühesten und häßlichsten entpuppte sich dieReaktion in dem auf dein Boden des naPoleonischen „Westfalen" wieder hergestellten Hessen-Kassel, dessen Fürst den sinnlos gewordenen Titel eines Kurfürsten beibehielt, das Feudal-wesen, ja sogar den Zopf und den Puder wieder einführte und seinem Staate das Gefügegab, das nach einem halben Jahrhundert zu seinem Untergänge geführt hat. Die Romantik,welche, als die Franzosen in Deutschland hausten, patriotisch gewesen, wurde servil und kenn-zeichnete hierdurch ihre ganze Hohlheit und Charakterlosigkeit. Nicht wenige ihrer Jüngerwaren nach der Wiederherstellung der früheren Regierungen („Restauration"), womit freilich inDeutschland viele Gebietsveränderungen und die Auflösung der kleinsten Fürstentümer, sowie dermeisten Reichsstädte verbunden waren, als wohlbezahlte Diener der Reaktion wiederzufinden.Ihr hauptsächlicher Gönner, das eigentliche Haupt dieser reaktionären Strömung, Fürst Metter-nich, wollte dem Besiegten das ganze linke Rheinufer überlassen; Arndt aber trat mutig ein fürDeutschlands Strom, — nicht Deutschlands Grenze, — und Blücher überschritt denselben in derNeujahrsnacht. Ein Vierteljahr später, am 31. März 1814, zogen die Verbündeten in Paris ein.
Der Wiener Kongreß, welchem die Ausführung des in Paris geschlossenen Friedens-vertrages oblag, war durch Spaltungen unter den Mächten über ein Mehr oder Weniger imLändergewinn oftmals mit der Auflösung bedroht und wurde durch die Rückkehr und zweiteVertreibung Napoleons lange hinausgeschoben. Ausdauernd war er nur in den rauschendstenund zum Teil zweifelhaftesten Vergnügungen, welche das zu jener Zeit an babylonischen Unsittenmit Paris wetteifernde Wien seinen Gästen bot; wozu auch ein Karussell und Riugelrennen(S. 203) noch damals gehörte. Diese Versammlung erblickte ihre Hauptaufgabe darin, Preußenzu schwächen, in welchem die Zukunftsmacht Deutschlands ganz richtig geahnt und gefürchtetwurde. Der Ränkeschmied Metternich, ein Mann ohne moralische Grundsätze und selbst ohnewissenschaftliche Bildung, der von Rußland und dem wieder bourbonisch gewordenen Frankreich,dessen Wort der proteusartige, schlangengleiche Talleyrand führte, treulich unterstützt wurde,wußte für Österreich ein prächtig abgerundetes und auf allen Seiten natürlich befestigtes Gebietzu erwerben: Preußen dagegen mußte es sich gefallen lassen, in zwei unzusammenhängendeStücke ohne alle natürliche Grenzen gespalten zu bleiben. Ebenso überließ er den Franzosenauch das von ihnen einst so schmählich geraubte Elsaß und Lothringen. Der aus den WienerVerhandlungen hervorgehende neue „Deutsche Bund" unterschied sich von: alten Reiche in dessenentartetster Zeit nur durch die geringere Zahl der Bundesstaaten. Und Metternich hatte es ver-standen, ihn unter Österreichs Leitung zu stellen, Preußen aber von diesem Kaiserstaate abhängigzu machen, in seiner freien Bewegung zu hemmen, und es von der Bahn einer freisinnigenPolitik, welcher die öffentliche Meinung Deutschlands hoffnungsfreudig entgegengekommen wäre,wie auch von der Einführung einer 1815 von Friedrich Wilhelm III. seinem Volke ver-sprochenen Verfassung abzulenken. Völker waren für jenen österreichischen Staatsmann lediglichein Menfchenmaterial zur Vermehrung des Glanzes der Höfe, Länder nur geographische Begriffe.
Der Geist der Metternichschen Regierung, die von dem bildungslosen und kleinlichen Kaiser-Franz für den Triumph aller Staatskunst gehalten wurde, erhellt am besten aus einem Büch-lein, welches im Jahre 1827 in Wien aus dem „Verlage der k. k. Schülbücher-Verschleiß-Administration" hervorging und betitelt war: „Pflichten der Unterthanen gegen ihre Monarchen,zum Gebrauch der deutschen Schulen." Dieses würdige Gegenstück zu dem (S. 407) erwähntennaPoleonischen Katechismus weiß im ersten Abschnitte keinen anderen Grund für das Bestehender Staaten, oder wie es sich ausdrückt, der „Obrigkeiten" anzugeben, als daß dieselben gesetztseien, „um gute Ordnung" zu halten und zu verhindern, daß „feindselige, raubsüchtige Menschenuns schlagen, verwunden, töten und unsere Häuser anzünden." Auf die Frage: Von wem habendie Obrigkeiten ihre Gewalt? antwortet der zweite Abschnitt: „Sie haben ihre Gewalt von Gott".Das wird weiter erklärt: „Gott regiert freilich die Welt; aber Gott ist unsichtbar. Darumhat er Regenten und Fürsten, die man sehen kann, an seine Stelle gesetzet, und auf diese Artregieret er durch sie." Es heißt ferner: es genüge nicht, daß man sich vor den Landesherren„bis zur Erde beuge", sondern man müsse sie auch im Herzen ehren, man sei „schuldig", für