442
Sechstes Buch. VI. Kunst und Dichtung der neuesten Zeit.
München und Berlin, darunter besonders' das Jüngste Gericht und die apokalyptischen Reiter,verewigen ihn als einen weltumfassenden, großartigen Dichter in Farben, als einen Dante undGoethe der Malerei. Unter Cornelius wirkte als Professor an der Kunstakademie zu MünchenJulius Schnorr von Carolsfeld (1794—1872), der das Residenzschloß König Ludwigs I. mitpoetisch gefühlten Scenen aus dem Nibelungenliede schmückte, später aber, als er Direktor derköniglichen Gemälde-Galerie in Dresden geworden, namentlich durch seine in Holzschnitt aus-geführten 240 Illustrationen zur Bibel auf weitere Kreise eingewirkt hat.
Von Cornelius stammt die Münchener Malerschule, deren unsterblicher, dem Geiste ihresBegründers am nächsten kommender, aber sich von ihm ablösender Meister Wilhelm von Kaul-bach (1805—1874) wurde. Namentlich seine, die Weltgeschichte zusammenfassenden großensymbolischen Gruppenbilder im Museum zu Berlin: der Turmbau von Babel, die Blüte
WMX.
«M
Gruppe aus dem Relieffries von Geyer in der National-Galerie zu Berlin.Rietschel. G. Schadow. W. Schadow. Schnorr von Carolsfeld. Rethel. Schwind.
Griechenlands, die Zerstörung Jerusalenis, die Hunnenschlacht, die Kreuzfahrer und das Refor-mationszeitalter haben Kaulbachs Ruhm verbreitet. Von Wilhelm Schadow (f 1862), in dessenvielen religiösen Bildern zwar immer noch das ernste Wollen der Nazarener liegt, in denenaber auch die Unfreiheit des Schaffens, zu der das Verharren in der Überlieferung führte,allmählich hervortrat, ist die weit weniger kräftige Düsseldorfer Schule ausgegangen. Nachihrem Begründer stand an der Spitze derselben Karl Friedrich Lessing (1808—1880), einGroßneffe des Dichters, der später Direktor der Gemälde-Galerie in Karlsruhe wurde. Er hieltsich nicht mehr, wie seine Vorgänger, an das religiöse Element. Mit einer gesunden, macht-vollen Phantasie begabt, suchte er seine Stoffe in der Geschichte und auch in der großartigangelegten Landschaft; in allen ist er von einer ergreifenden Poesie. Besonders volkstümlichsind seine beiden großen Gemälde „Hus vor dem Scheiterhaufen" und „Luthers Disputation mitEck" geworden, durch die er, gleich Kaulbach, als ein künstlerischer Gegner der Ansprüche Romsauftrat. Andere bedeutende Glieder der Düsseldorfer Schule waren Theodor Hildebrandt(f- 1874), der aus Shakespeare und Goethe schöpfte und auch als Porträtmaler Hervorragendes