Das „junge Deutschland". Religionsphilosophie und Politik in der Dichtung. 451
In zwei religionsphilosophischcn Dichtern trat die Lehre des linken Flügels der HegelschenSchule aus der Prosa auch in die Poesie ein: in Schefer und Sallet. Leopold Schefers(1784—1862) „Laienbrevier", „Hafiz in Hellas" und „Koran der Liebe", gewissermaßen denWerken Feuerbachs entsprechend, feiern in herrlicher Sprache einen edel gedachten, tief gefühltenPantheismus und heben die Ideale der Menschheit, Weisheit, Güte und Schönheit, so hochempor, wie Heine sie erniedrigt hat. Friedrich von Sallet (1812—1843) fügte die Freiheitjenen Idealen bei und schuf in seinem, 1842 erschienenen „Laienevangelium" eine dichterischeParaphrase des „Lebens Jesu" von Strauß. Die heiligsten Güter der Menschheit in begeisterterSprache erhebend, wurde das Buch zur Evangelienharmonie aller freisinnigen Geister seiner undspäterer Zeit. Die Orthodoxie erscheint hier als Materialismus, der Freisinn als Idealismus.
Die christliche Geschichte weiter verfolgend, hat der deutsch fühlende und dichtende UngarNikolaus Niembsch von Strehlenau, genannt Lenau (1802—1850) in feinem noch romantischbeeinflußten „Savonarola" und in seinen klassischen „Albigensern" die Glaubensfreiheit gegen-über der Unterdrückung in kraftvoller Sprache und farbenreichen Bildern gefeiert. Seinekleineren Gedichte, meist realistisch anf dem Boden und unter dem Volke seiner Heimatspielend, sind in Trübsinn geschaffen und von jenem Schmerze durchdrungen, der den Dichterals eine Folge der drückenden Zeitverhältnisse quälte und ihn schließlich dem Wahnsinn (1844)in die Arme trieb.
Während diese Poeten von der geistigen Bewegung ihrer Zeit getragen wurden, ließ sicheine andere Gruppe, die der politischen Dichter, von den geschichtlichen Ereignissen anregen.Graf Anton Auersperg (1806—1876) führte unter dem angenommenen Namen AnastasiusGrün ihren Reigen. In seiner epischen Dichtung „Der letzte Ritter" (1830) feierte er denKaiser Maximilian I., den er aus dem alten Lande der Romantik erstehen ließ, um seinemannhafte Gestalt dem so ganz anderen modernen Geiste entgegenzustellen. Mit seinen „Spazier-gängen eines Wiener Poeten" (1831) wagte er den ersten litterarischen Einbruch in dieRegierung Metternichs; im „Schutt" und in weiteren Sammlungen folgten noch wirksamereFcldzüge gegen die Finsternis. Vom Liberalismus dieses und anderer Dichter ging zuerst zumRadikalismus über Georg Herwegh (1819—1875), welcher in den „Gedichten eines Leben-digen" (1842) seine Zeitgenossen in flammender, freilich maßloser Weise aufforderte, die Kreuzeaus der Erde zu reißen und in Schwerter umzuwandeln. Die Lieder Hoffmanns von Fallers-leben (1798—1874), der um die Erforschung der deutschen Sprache sich Verdienste erworben,schlugen einen volkstümlicheren Ton an. Alfred Meißner (1822—1885) vertrat in Österreichdie Freiheitsdichtung, namentlich durch das glänzende Epos „Ziska". Robert Prutz-(1816 bis1872) als Literarhistoriker und auf dem Felde der Zeitgeschichte, wie als Kritiker und Dichtergleich fruchtbar auftretend, aber auch unter herben Verfolgungen leidend, wirkte in seinenDramen für den Fortschritt. Dagegen trat Franz Dingelstedt, Verfasser der 1841 er-schienenen „Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters" schon im Jahre 1842 zur Reaktionüber. Aber nicht nur jubelnde Triumphgesänge ertönten während der „tollen Jahre" 1848und 1849; auch schwermütige Klagelieder hatte die deutsche Dichtung: so die von MoritzHartmann in der „Reimchronik des Pfaffen Mauritius", von Wiesner in den „Psalmeneines Verbannten", von Ferdinand Freiligrath (1810—1876), dem Sänger der exotischenWelt, dem einst die „Zinne der Partei" zu niedrig gewesen, endlich von dem BonnerProfessor Gottfried Kinkel (1815—1882), dem im Kerker schwer Geprüften und glücklichBefreiten, dessen „Otto der Schütz" ein echt deutsches, mit höchster Dichtergabe gemaltesLebensbild ist.
Die schöne Litteratur hatte, wie Heines Beispiel zeigt, zum Teil schon vor der Revolutionvon 1848, noch weit mehr aber nachher einen entschieden pessimistischen, zum Düsteren, Grauen-haften und Weltschmerzlichen neigenden Zug. Dies gilt namentlich im Drama von den zer-rissenen, dämonischen und erschütternden Werken Friedrich Hebbels, Otto Ludwigs uudBrachvogels, von den Romanen Alfred Meißners, Friedrich Spielhagens, EduardHöfers und Adalbert Stifters, von den Epen des kühn genialen Österreichers RobertHamerling, und von den lyrischen wie auch epischen Dichtungen von Hermann Lingg.
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