217
findet man, daß die von den Professoren vorgetragenen Lehren,die öffentlichen Disputationen, die Sitzungen der Akademiender Wissenschaften, die schon seit länger als zwei Jahrhun-derten alljährlich bei den Preisvertheilungen in allen Erziehungs-häusern aufgeführten Tragödien nur einen einzigen langenDithyrambus zu Ehren der Griechen und Römer bilden.
Und hierauf gehen die Könige unfreiwillig ausReisen, und Europa ist bedroht, republikanisch oderkosackisch zu werden, und auf den Schulbänkenbeugt man das Haupt unter das Joch der Ty-rannen, bewundert aber im Stillen Brutus undChäreas, und die Revolutionen folgen einer nach der an-deren, die Königsmorde mehren sich — und man wundertsich noch!
Ein Name besonders ist seit der Renaissance für dieJugend der Kollegien der Gegenstand eines wahrhaften Cultus»und die Parole aller politischen Meuchelmörder geworden: esi ist dies der Name Brutus.
i Gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, gerade beidem Anbruche der Renaissance, lebte zu Mailand ein berühm-ter Professor der Literatur, mit Namen Montanus. Dieserwird von dem Herzoge Galeas Sforza beleidigt; er nimmtdie Beleidigung ruhig hin, schwört aber, sich zu rächen. Unterder Zahl seiner Schüler befand sich ein junger Mann vonkaum achtzehn Jahren, mit Namen Hieronymus Oligati. Nach-dem Montanus eines Tages nach seiner Gewohnheit bei seinenSchülern seine Bewunderung für Brutus und Casfius an den^ Tag gelegt hatte, wendet er sich speciell an Oligati, und zeigtihm, nach dem Beispiele Cicero's, wie Brutus, von einemunvergänglichen Strahlenglanze umgeben und von den Segens-sprüchen der Nachwelt überschüttet, durch die Jahrhunderteschwebe. Er malt mit den glühendsten Farben den unsterb-lichen Ruhm, den Oligati sich selbst erwerben werde, wenn erdas Vaterland von dem Tyrannen Galeas befreie. Diese Lehrentragen ihre Früchte. Einige Tage später, am 26. December