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[2. Band.]
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Wir sind von allen Wissenschaften, von allen Künsten und vonden Wundern der menschlichen Industrie umringt, und währendtausend verschiedene Personen uns mit ihren charakteristischenZügen umgeben, die Wärme unserer Pinsel auffordern unduns die Wahrheit gebieten, verlassen wir blindlings die lebendeNatur, wo alle Glieder kräftig, üppig, voll Leben und Aus-druck sind, um einen griechischen oder römischen Cadaverabzuzeichnen, seine bleichen Wangen zu färben, seine kaltenGlieder zu bekleiden, ihn wankend auf seinen Füßen aufzu-richten und diesem matten Auge, dieser eiskalten Sprache,diesen schlaffen Armen das Idiom und das Mienenspiel, wiesie auf den Brettern unserer Bühnen gebräuchlich sind, aufzu-drücken! Welcher Mißbrauch wird nicht mit dem Gliedermanngetrieben! Und doch ist dies das Phantom, welches die Nationin Folge einer dummen Gewohnheit unter dem NamenGeschmack anbetet." *)

Ein zweiter, wenn möglich noch unverdächtigerer Zeuge,ist Condorcet. Dieser sagt: „Wer seit einem halbenJahrhundert die Fortschritte der öffentlichenMeinung beobachten konnte, hat gesehen, wiegroß der Einfluß der Tragödien Voltaire's aufsie gewesen ist, wie sehr diese Unmasse von philosophischenMaximen, die in seinen Stücken verbreitet sind, dazu beige-tragen haben, den Geist der Jugend von den Fesseln einersklavischen Erziehung zu befreien, und Jene, welche die Modeder Leichtfertigkeit zutrieb, zum Denken zu veranlassen. Aufdiese Weise hat man zum ersten Male sagen können, daß eineNation denken gelernt hatte, und die lange unter demJoche eines zweifachen Despotismus eingeschlummerten Fran-zosen konnten bei ihrem ersten Erwachen eine stärkereVernunft als selbst die der freien Völker entfalten. Jene,die diese Wirkungen leugnen möchten, sollen anBrutus denken, der ein Sklavenvolk an die stolzen

1) Mercier, Gemälde von Paris, K. 312 u. 333.