Band 
[2. Band.]
Seite
287
JPEG-Download
 

287

Gottheit, Nichts mehr erübrige, als dieselbe in ein Nahrungs-mittel zu verwandeln, um sie zu verzehren." *)

Das Christenthum, dieser Seele gewissermaßen einge-prägt, fällt nach und nach unter der Thätigkeit des Zweifelsganz, und der Paganismus, welcher ihr erster Besitzer war,soll fürderhin ohne jeden Nebenbuhler darin herrschen. Wiedie Pflanze von der Luft und vom Lichte ihre Nahrung er-hält, so nährt er sich von Allem, was das junge Mädchenumgibt, von Allem, was es sieht, von Allem, was es hört.„Meine Eltern," sagt sie, „hatten die Gewohnheit, an jedemSonntag Spaziergänge auf das Land zu machen. Mir gefieles besonders im Gehölze von Meudon und inmitten dieses ein-samen Waldes konnte ich mich mit noch größerer Freiheitmeinen Betrachtungen überlassen.

„Man kann sagen, daß in der Erziehung, die ich er-halten, in den Ideen, die ich durch das Studium mirangeeignet habe, Alles darauf berechnet gewesen, mir dieBegeisterung für die Republik einzuflößen. Auf dieseWeise erregte ich in mir durch meine Lectüre eine leiden-schaftliche Anhänglichkeit an die Reformatoren der Ungleich-heit. Ich war Agis und Kleomenes in Sparta, die Gracchenin Rom und ich hätte, wie Cornelia, meinen Söhnen verboten,mich anders als die Schwiegermutter Scipio's zu nennen.Ich hatte mich mit dem Volke auf den Aventinus zurückge-zogen und für die Tribunen gestimmt."

Inzwischen verlor sie ihre Mutter, ihr Schmerz war ganzgrenzenlos. Wo wird sie Tröstung schöpfen? Leider ist auchsie, wie viele Andere, in der Schule der Alten nicht blos Re-publikanerin, sondern auch Philosophin geworden. „Die Phi-losophie," sagt sie, „hat bei mir die Täuschungen eines leerenGlaubens verscheucht. Allein nicht so hat sie die Einwirkungmancher Dinge auf meine Sinne vernichtet. Noch kann ich

1) Denkwürdigk. der Mad. Roland u. s. w., B. I. S. 114.

2) Ebendas. S. 135.