294
von Viscellinus bis auf Cäsar und von Hippo, demVolksredner in Syracus, bis auf unsere Pariser Redner?Marius und Sulla proscribirten Tausende von Rittern,eine bedeutende Anzahl von Senatoren, eine Menge von Un-glücklichen. Haben sie aber deßhalb die Geschichte, welche ihrAndenken dem Fluche weiht, zum Schweigen bringen können?...Die Nachwelt gibt Jedem seinen Platz, allein im Tempelder Erinnerung. Themistocles stirbt dessenungeachtetim Exil, Sokrates in seinem Gefängniß und Sulla inseinem Bette." ')
Nachdem jede Hoffnung auf Befreiung verschwunden, thutsie zweierlei, wofür wir das Vorbild auf jeder Seite des schö-nen Alterthums finden; sie überläßt sich dem Hasse gegen ihreFeinde und faßt den Entschluß, sich selbst zu entleiben.
„Abscheuliche Verleumder!" ruft sie aus, „den Unsinnigen,welche Sokrates verurteilten, den Eifersüchtigen, welchePhocion zu Grunde richteten, den Ränkeschmieden, welcheAristides verbannten, den Bösewichten, welche Dion er-mordeten, vergleichbar, ihr sprecht zum Volke: Siehe da dieFreiheit, und ihr verletzt sie.... Gerechter Himmel! erleuchtedieses Volk, für welches ich die Freiheit wünschte. Die Frei-heit ist nur für die stolzen Seelen geschaffen, welche den Todverachten und sich solchen nach Umständen selbstgebe»." 2)
Demgemäß faßt sie den Vorsatz, sich verhungern zulassen, gibt diesen Entschluß jedoch wieder auf und will Opiumtrinken. Sie bittet eine ihrer vertrautesten Freundinnen (SophieCanet) um dieses Gift. „Wahrscheinlich," ruft einer ihrerBiographen aus, „dachte sie damals an den Giftbecher desSokrates und das schöne Drama seines Todes, von welchemsie schon im Alter von zweiundzwanzig Jahren eine schöne
1) Denkwürdigk. B. I. S. 244-253. Saint-Pelagie, 23. Sept. 1793.
2) Ebendas. B. II. S. 303—318. Anmerkungen zu meinem Proceß,B. II. S. 387.