39
Gedichten und seinen Pamphleten, die einen immer obscönerund gottloser als die anderen. Der beredte Erzbischof vonVienne schrieb im Jahre 1781 über ihn: „Er ist Dichter ge-wesen, um die Lehren der Gottlosigkeit in allen Tonleitern derPoesie zu besingen; Redner, um gegen die Religion und derenDiener zu Felde zu ziehen; Geschichtschreiber, um die That-sachen zum Nachtheile der Offenbarung der Kirche und derHeiligen zu entstellen; Philosoph oder wenigstens bestrebt, einsolcher zu scheinen, um die kostbarsten Wahrheiten durch Wolkendes Skepticismus zu verdunkeln. Dieser Eigenschaft hat erweit eher als seinen wissenschaftlichen Talenten das Aufsehenzu verdanken, welches er in der Welt hervorgerufen hat. Ver-binden wir mit allen diesen Excessen die zügellose Liebe fürdie Freiheit des Volkes, den Abscheu gegen die souveräneAutorität und das Streben nach Unabhängigkeit, so wissenwir, was diese mit solchem Prunke verheißene Ausgabe eigent-lich ist: eine Anhäufung von Sarkasmen und anarchischen,glaubens- und sittenlosen Grundsätzen." ')
Dieses sehr allgemeine Urtheil wird durch die WerkeVoltaire's selbst so entschieden gerechtfertigt, daß unsere Be-hauptung, der Schüler des Collegs Louis le Grand sei wäh-rend seines Lebens der Sohn seiner wissenschaftlichen Erziehung,d. h. eine des Christenthums leere und für das Heidenthumbegeisterte Seele gewesen, unwiderlegbar bewiesen ist. Vol-taire wärmt in seinen verschiedenen prosaischen oder poetischenSchriften als getreuer Schüler der Renaissance alle Fabeln undTheorien des heidnischen Alterthums wieder auf, führt dieVergötterung des Menschen sowohl von Seiten des Stolzesals seiner fleischlichen Gelüste ein und befehdet im religiösenund socialen Gebiete Alles, was nicht das Werk des eman-cipirten Menschen ist.
So leugnet er in seiner Philosophie der Geschichte
1) Hirtenschreiben des Msgr. Lefranc von Pompignan bet Gelegenheiteiner vollständigen Ausgabe Voltaire's, 1781.