40
die Einheit der Menschengattung, lehrt, die Sprache sei eineErfindung des Menschen, und die Menschen hätten nachder Ansicht der klassischen Dichter lange Zeit in denWäldern im Zustande der wilden Thiere gelebt.') „Dieersten Menschen," sagt er in allein Ernste, „konnten ihre Be-dürfnisse nicht befriedigen und, weil sie sich nicht verstan-den, sich auch nicht gegenseitig helfen. Sie konnten sich gegendie wilden Thiere nur mit Steinen, die sie gegen sie schleu-derten und mit dicken Baumästen, mit welchen sie sich bewaff-neten, zur Wehre setzen; daher kam vielleicht die confuse Vor-stellung des Alterthums, daß die ersten Heroen gegen dieLöwen und wilden Schweine mit Keulen kämpften."
Würde Voltaire, wenn er, anstatt mehrere Jahre lang imColleg die Metamorphosen des Ovid, die Georgicades Virgil, die Episteln des Horaz und die Arbeiten desHerkules studirt, auswendig gelernt und bewundert zu haben,mit demselben Eifer die Bibel und die christlichen Schriftstellerstudirt hätte, zu denselben Ideen gekommen sein?
Nach der Ansicht der heidnischen Schriftsteller und ihresSchülers Voltaire hat der Mensch nicht nur die Gesellschaft,sondern auch die Religion erfunden, „krimus in orbo clenstocit timor. Als sich nach Verlauf vieler Jahrhunderteeinige Societäten gebildet hatten, kann man schon glauben,daß es auch irgend welche Religion, irgend welche Artgrobsinnlichen Gottesdienstes gegeben habe. DieMenschen, damals einzig und allein mit der Sorge für ihrenLebensunterhalt beschäftigt, vermochten nicht, sich biszu dem Urheber des Lebens zu erheben. DieKenntniß eines schaffenden, belohnenden und be-strafenden Gottes ist die Frucht der Vernunft.Deßhalb waren alle Völker mehrere Jahrhunderte lang das-
1) S. 7 und 13, Ausg. Beuchst.
2) Ebendas. S. 13.