kann? Was sind neben diesen Riesen in ihren Augen einheiliger Chrysostomus, ein heiliger Bastlius, ein heiliger Augu-stinus, ein heiliger Thomas, selbst die heilige Schrift und diePropheten?
Was Voltaire namentlich bei den Griechen liebt, ist dieD en kfreiheit. „Die Griechen," sagt er, „hatten so vielGeist, daß sie ihn mißbrauchten; große Ehre aber machtihnen der Umstand, daß keine ihrer Regierungen die Ge-danken der Menschen belästigte. Athen gestattete nichtallein der Philosophie, sondern allen Religionen einevollständige Freiheit. Es nahm alle fremden Götterauf und hatte selbst den unbekannten Göttern einenAltar errichtet. Rom handelte wie Athen. Die Römer adop-tirten oder gestatteten die verschiedenen Arten der Gottes-verehrung bei allen anderen Völkern, so z. B. die Gottes-verehrunq der Griechen. Diese Vereinigung aller Gottheitender ganzen Welt, diese Art göttlicher Gastfreundschaft wardas Völkerrecht des ganzen Alterthums."
Freiheit des Wortes, Freiheit der religiösen Bekenntnisse!— Rom und Athen — welche allerliebsten Städte, welch an-genehmer Aufenthalt! Werden wir nur Griechen, werden wirRömer! Wir sind zu diesem Entschluß um so mehr befugt,als das Christenthum mit seiner Intoleranz eine wahre Plagefür die Welt gewesen ist. „Da es in diesem weisen Alterthume,"fährt Voltaire fort, „keine Dogmen gab, so hat es auch keineReligionskriege gegeben. Es war übrig genug, daß Habsuchtund Raubgier das Blut der Menschen vergossen, ohne daßdie Religion die Welt noch vollends vernichtete."
Wie ein anderer Schüler des Collegs Louis le Grandspäterhin verlangte, so will auch Voltaire, man sollte gemäßdem klassischen Musterbilde ein höchstes Wesen anerkennen unddie modernen Schriftgelehrten wie die ehemaligen Cicero und
1) Lsssi sui- les moeurs, B. I, S. 149 —229.
2) Ebenda,'. B. I, L. 229.