können, allein ihre Sprache war ein barbarischer Jar-gon; sie zahlten dem schlechten Geschmacke der Zeit ihren Tributauf Lateinisch. Der Reim, den man bei diesen lateinischenHymnen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts anwen-dete, ist das Siegel der Barbarei."') Das Verbumsupernum xrockiens, das Klon das Urbild der Bar-
barei! Und weßhalb? Weil sie nicht im Versmaße desJahrhunderts des Augustus geschrieben sind. „Nicht aufsolche Weise," ruft Voltaire aus, „besang Horaz dieSäcularspiel e."
Das heißt ungefähr: Das Alterthum machte keine solchenVerse. Nur das Alterthum konnte dichten. Jeder aber, dernicht dichtet, wie es gedichtet hat, ist ein Barbar; so bin iches im Colleg gelehrt worden. Dies ist dasselbe Vorurtheil,vermöge dessen man die Sainte-Chapelle drei Jahrhundertelang als ein barbarisches Baudenkmal hingestellt hat.
Nachdem Voltaire die Sprache, die Menschen und dieInstitutionen des Mittelalters beurtheilt hat, bleibt ihm zurVollendung seines Werkes noch übrig, auch die Wissenschaft,welche dieses Zeitalter beherrschte, zu beurtheilen. Dies thuter mit zwei Worten. „Die scholastische Philosophie,"sagt er, „beeinträchtigt dieVernunft und die ächtenStudien mehr, als es die Hunnen und Vandalengethan hatten." 3)
Wann und wie wird aber die christliche Welt aus der Bar-barei heraustreten? Wann die Sonne des heidnischen Alter-thums sich über das Abendland erheben und man die Jugenddie guten römischen Schriftsteller studiren lassen wird. Be-geistert begrüßt Voltaire diesen Tag der Wiedergeburt; erruft aus: „Was kannte man in Deutschland, in Frankreich,in England, in Spanien und der nördlichen Lombardei?" Die
1) Lsssi snr les moeurs, B. II, S. 428. — 2) Ebendas.
3) Ebendas.
4) Ein Beweis, daß man sie im Mittelalter studirte.
Gamne, Revolution. V. 4