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Dies ist die Genealogie des Rationalismus oder derFreigeisterei; von Plato erzeugt, von der Renaissance wiederzu Ehren gebracht, gewinnt sie erst die Philosophen, später denMittelstand, endlich die höheren Stände und wird zuletzt dieReligion der in den Kollegien heranwachsenden Generationenin ganz Europa.
Bald bringt indessen die Denkfreiheit in der Neuzeit die-selben Wirkungen hervor, die sie auch im heidnischen Alter-thume hervorbrachte. „Um dieselbe Zeit," sährt Voltaire fort,„entstand auch in säst ganz Europa aus den theologischenStreitigkeiten ein verderblicher Atheismus, welcher dasGegentheil des Theismus ist. Man behauptet, es habedazumal in Italien mehr Atheisten als sonst ir-gendwo gegeben. Dieser Atheismus erkühnte sich gegendas Ende des sechzehntenJahrhunderts fast u »ge-scheut aufzutreten." ')
Als braver Sohn hütet sich Voltaire, die Renaissance an-zuklagen, sie sei die Mutter des Atheismus. Seiner Gewohn-heit gemäß macht er die scholastische Theologie für denselbenverantwortlich. Als ob es vor der Renaissance keine theolo-gischen Streitigkeiten gegeben hätte, ohne deßhalb Atheistenhervorzubringen! Als ob Italien im sechzehnten Jahrhundert,da es dort die meisten Atheisten gab, nicht gerade von dentheologischen Streitigkeiten mehr als jedes andere Land ver-schont geblieben wäre! Allein einige Zeilen weiter stellt sichVoltaire selbst ein Dementi aus und lehrt uns, es sei derstete Verkehr mit den heidnischen Autoren, den Lehrern desDeismus und Atheismus, welcher die Deisten und die Atheistenhervorgerufen habe. Er ist durchaus nicht gewillt, dies füretwas Schlimmes zu betrachten.
„Was die Philosophen anlangt," sagt er, „welche dieExistenz eines höchsten Wesens leugnen oder nur einen gegendie Handlungen der Menschen indifferenten Gott gelten
1) Ls8»i sur Iss inoeurs, B. II, S. 302.