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behandelt. Zu oft nur ward die Kanzel zu einer Rednerbühneund Gotteswort zu Menscheuwort gemacht.

Um indessen der Rede ein religiöses Gepräge zu lasse»,behielt man den Text bei, der nach Voltaire'S Bemerkung nureine Art Wahlspruch oder Räthsel ist. Diese Bemerkung hal-ten wir für ganz richtig; allein der Grund, den Voltaire fürseinen Tadel anführt, ist ein höchst seltsamer. Statt zu sagen:Die Kirchenväter machten es nicht so, sagt er als ächter Re-naissant: „Niemals kannten die Griechen und Römerdiesen Gebrauch." ') Wahrscheinlich würde ihn Voltaire,wenn ihn die Griechen und Römer gekannt hätten, für sehrgut befunden haben.

Wenn die Alten die Meister der Beredsamkeit sind, sosind sie auch die Meister der Philosophie. Für Voltaire sinddie christlichen Philosophen gar nicht vorhanden. Der heiligeAugustinus, der heilige Anselmus, selbst der heilige Thomasexistiren nicht. „Von Plato," sagt er, „bis Locke gibtes gar Nichts. Niemand hat in diesem Zeitraume dieThätigkeit unserer Seele erklärt." ?)

Suchen wir also unsere Vorbilder für Beredsamkeit undPhilosophie im klassischen Alterthum. Es genügt nicht, daßdasselbe unsere Richtschnur hinsichtlich der Religion sei. „Esist scheußlich," fährt Voltaire fort, „daß die christliche Kirchebeständig durch Zänkereien zerrissen ward und das Blut soviele Jahrhunderte lang durch Hände floß, welche den Gottdes Friedens trugen; diese Wuth war dem alten Heidenthumunbekannt. Die Religion der Heiden bestand nur in der Moralund in den Festlichkeiten. Die Moral, die den Menschen allerOrten und aller Zeiten gemeinsam ist, und die Feste, welchenur Belustigungen waren, konnten das Menschengeschlecht nichtin Unfrieden versetzen. Der dogmatische Geist rief beiden Menschen die Religionskriege hervor." Als Schluß-

1) 8iselll äs I,ouis XIV., B. II, S. 365.

2) Ebendas. S. 340. — 3) Ebendas.