112
eingesehen. Wie dem nun sei, was er halblaut sagt, das sprichtRousseau ganz offen aus. Sie beurtheilen Beide als Söhneder Renaissance die Gesellschaft nach den Lehren ihrer Mutter.Für Montesquieu wie für Rousseau liegt der Typus der so-cialen Institutionen im klassischen Alterthum und die beste Re-gierung ist die republikanische Regierung Sparta's, Athensund Roms.
Wie aber kommt es, daß Charles von Secondat, Baronvon La Brede und Montesquieu, Abkömmling einer adeligenFamilie, mit einer christlichen Milch genährt, in einem monar-chischen Reiche, worin er eine hervorragende Stellung ein-nimmt, erzogen, ungeachtet so vieler Beweggründe, es nichtzu sein, ein beharrlicher Bewunderer der Republiken desheidnischen Alterthums ist? Jede Wirkung hat eineUrsache. Nun ist aber bei Montesquieu die Ursache der vonuns berührten Anomalie nicht erst mit den Jahren eingetreten,sie rührt aus der Zeit seiner Jugend her. Im Jahre 1689im Schlosse La Brdde geboren, tritt Montesquieu mit seinenim Jahre 172t erschienenen persischen Briesen zum erstenMale in der literarischen Welt auf.
Dies vom Geiste der Renaissance angeregte Werk ist einfortwährender, obgleich mehr oder weniger verdeckter Angriffgegen das Christenthum. Der Held des Romans, Usbek,ist ein Freidenker in doppelter Hinsicht, sowohl in Betreff derMoral als des Glaubens. Trotz der Einwendungen des Kar-dinals von Fleury öffneten die persischen Briefe Montes-quieu die Thore der Akademie. Der unchristliche Charakterdieser literarischen Erscheinung bildet den besonderen Gegen-stand von d'Alemberts Lobpreisungen. Wir werden die Wortedieses Akademikers, „der sich daraus verstand," anführenund fügen nur bei, daß man ihnen, um das Richtige zutreffen, beim Aussprechen einen zweimal stärkeren Nachdruckgeben muß, als sie beim Lesen haben.
„Montesquieu," sagt sein Lobredner, drückt sich nicht überdas Wesen des Christenthums, sondern über Materien, welche