Band 
[2. Band.]
Seite
116
JPEG-Download
 

116

Wir wollen weder von den persischen Briefen nochvon dem Gnidostempel reden; beschäftigen wir uns nurmit dem Geiste der Gesetze und sehen wir, inwieferndieses Werk für die Tugend und die Menschheit von Vor-theil ist.

Vergebens sucht man in diesem Werke die großen katho-lischen Ideen über den Ursprung und die Mission der Gewalt.Gott nimmt an der Bildung der Societäten in keiner WeiseTheil. Der Mensch schafft ste, wie er ein Haus baut; miteiner ganz unumschränkten Autorität schafft, regelt und ordneter Alles nach seinem Interesse, seinen Bedürfnissen oder seinenVergnügungen.

Nach der Beseitigung Gottes und des Christenthumsbleibt für die Erklärung des Ursprungs der Societäten nurnoch die heidnische Fabel von dem Naturzustände und demGesellschastsvertrage übrig. Wie alle Politiker der Renaissancewählt auch Montesquieu dieselbe zum Ausgangspunkte. Erbehauptet, die Menschen in den Wäldern zerstreut und ihreSchwäche empfindend, hätten in diesem glücklichen Zustandenicht gesucht einander anzugreifen, und der Friede sei so-mit das erste Gesetz der Natur. Dies ist das goldeneZeitalter Virgil's und Ovid's. Montesquieu vergißt den ur-ansanglichen Sündensall ganz. Hobbes hatte den Menschenals von Natur böse, leidenschaftlich, despotisch, folglich als denFeind seines Nächsten betrachtet und für ihn ist der Kriegdas erste Gesetz der Natur.

Diese Lehre konnte Montesquieu nicht gefallen; er ruftaus: »Das Verlangen, welches Hobbes den ersten Menschenzuschreibt, sich einander zu unterjochen, ist nicht vernünftig.Er fragt, weßhalb denn die Menschen, wenn ste nicht vonNatur aus im Kriegszustande sich befinden, immer bewaffnetseien, weßhalb sie Schlüssel hätten, um ihre Häuser zu ver-schließen? Allein man sieht nicht ein, daß man den Menschenvor der Begründung der Societäten beilegt, was ihnen erstnach dieser Begründung, die sie auf Motive, um sich anzu-