Reformatoren die Verderbniß der römischen Kirche schmähen,ihr die Verunstaltung des Christenthums zur Last legen, ihrdie Verachtung, der es verfallen, zuschreiben, und so ihre Tren-nung von ihr rechtfertigen hören: so wissen wir, daß sie nurdas Echo Macchiavel's sind; wir wissen, daß sowohl hinsicht-lich der Verleumdung der Kirche als alles Andern die Refor-mation nur die Tochter und Schülerin der Renaissance ist.
Gehen wir zu dem zweiten Grunde über, weshalb dierömische Kirche die Geißel Italiens. Nachdem Macchiaveldas Programm für Luther aufgestellt, geht er an jenes fürMazzini. Lassen wir ihn selbst sprechen: „Wir haben gegendie römische Kirche noch eine andere, noch größere Verpflich-tung, da sie die Ursache unseres politischen Ruin's ist: ich willdamit sagen, daß sie es ist, welche unser Land in der Spal-tung gehalten hat und noch hält. Nie haben die Eintrachtund das Glück in einem Lande geherrscht, wenn es nicht gänz-lich eine einzige Republik bildete oder einem einzigen Fürstengehorchte, so wie dies mit Frankreich und Spanien der Fallwar. Nun ist aber die Ursache, welche einen solchen Zustandfür Italien unmöglich machte und hinderte, eine Republik zubilden oder einen Fürsten zu haben, der es regierte, einzig undallein die römische Kirche.
„Sie besitzt einerseits eine zu geringfügige weltliche Macht,um sich ganz Italiens zu bemächtigen und seine Königin zuwerden; andererseits ist dieses weltliche Besitzthum nicht un-bedeutend genug, als daß nicht die Furcht, es zu verlieren, dieKirche dazu vermocht hätte, es durch mächtige Fürsten gegenJene vertheidigen zu lassen, welche ihr in Italien Verdachteinflößen konnten.')
„So hat die römische Kirche, die nicht stark genug war,sich Italiens zu bemächtigen, und doch nie duldete, daß ein
1) Dies beweist, daß Macchiavel jeden christlichen Sinn völlig ver-loren hat. Das gewinnt man dabei, wenn man die Politik in derSchule des schönen Alterthums studirt l