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Das „Reformarions"-Zeitalter.
Cölius, Bugenhagen und Melanchthon gehalten wurden,kehrt überall der Gedanke wieder, daß er gerade in derZeit seines Ablebens der jungen „Kirche" am allernötigstengewesen sei, und doch hatte der Hirt wiederholt die Herdeverlassen, die seiner so dringend bedurfte. Diese Thatsachewar so offenkundig, daß vor allem der Pfarrer von Witten-berg, Bugenhagen, sie in der Leichenrede nicht leugnenkonnte; aber nach Art aller Lutherdichter wußte er sich mitihr abzufinden,
„Es sind auch vorgehende Anzeigungen gewesen," sagteer, „daß unser lieber Vater, Doktor Martinus, in einbesser Leben wandern würde, denn dies ganze Jahr durchhat er oft zu uns gesagt, er begehre an einen andern Ortzu ziehen; ist auch öfter in diesem Jahre vor seinem Todeausgezogen, denn zuvor in vielen Jahren, nämlich in seinVaterland gen Mansfeld, zum Bischöfe gen Zeiz, gen Merse-burg, gen Halle,"
Die eingestandene verzweiflungsvolle mehrmalige Fluchtdes „Vaters" von seinen Kindern als eine „Anzeigung"der Wanderung in ein „besseres Leben" zu deuten: dassetzt allen Mythen über Luthers Lebensende die Krone auf.
23. Die Beschaffenheit der deutschen Sprachezu Luthers Zeit.
* Vergleicht man die Schriften Luthers mit denen seinerkatholischen Zeitgenossen, so gewahrt nian einen Unterschiedwie zwischen Tag und Nacht, wie zwischen Stall undSalon,
Kein katholischer Schriftsteller des 16, Jahrhundertsgebraucht auch nur entfernt oder nur andeutungsweise dieunflätigen Ausdrücke, von denen der „Reformator" und„Mann Gottes" überströmt; überall, auch in allen pole-mischen Schriften der Katholiken herrscht Ruhe und Anstand,