Die Versammlung der hülfreichen Göttinnenum die gebärende Leto ist bei Kallimachos fortgelassen. Als Athen die Herrschaft überdie Insel besafs, tauchte, wohl nicht ohneTendenz, die Erfindung auf, Athena , die Pa-tronin Athens , habe Leto einst von Sunionhinüber nach Delos geleitet (Hyperid. Del.fr. 70 Blafs; vgl. Aristid. 1 p. 2(5. 157 und dasSchol. dazu). Auch dafs man die Eileithyiaherbeigeholt habe, dieser höchst ehrwürdigedelische Mythus, ist von Kallimachos über-gangen. Dagegen stimmen bei ihm die vvg-cpai AgliaSsg, die Töchter des FlufsgottesInopos, während der Geburt ein Lied an dieEileithyia an (v. 256). Beide Versionen, diehomerische wie die Tcallimaeheische, fufsen aufThatsachen des delischen Kultes. Eileithyiagenofs bei den Deliern eine hervorragendeVerehrung mit Opfern und einem von Jung-frauen gesungenen Hymnus, welchen die vonPausanias (8, 21, 3. 9, 27, 2) wiedergegebeneSage auf den Lykier Oien zurückführte. ZuLetos Wehen war aber diese Geburtshelferinnach derselben Überlieferung (Paus. 1, 18, 5)von den Hyperboreern (s. d.) gekommen, wie ihrauch die ersten Opfer für leichte Geburt vonden beiden hyperboreisehen Jungfrauen Hy-peroche und Laodike (s. d.) dargebracht waren.Hierbei erinnere man sich der Sage, dafs auchLeto selbst von den Hyperboreern (s. d.) herkam.Jener Hymnus des Jungfrauenchors an dieEileithyia sollte nun offenbar bei Kallimachos mythisch begründet werden, während der ho-merische Hymnus, wie es scheint, überhauptdie Verehrung der Eileithyia auf Delos zu er-klären im Auge hatte. Wir werden weiterunten sehen, dafs ihre Funktion mit der derLeto eine gewisse Verwandtschaft hatte, wes-halb die Verherrlichung und besondere Be-tonung der Geburtsumstände bei der Letowohl nicht zufällig war. Preller (Gr. Myth . 31, 192) hat die ansprechende Vermutung ge-äufsert, dafs auch das Halsgeschmeide imhomerischen Hymnus eine reale Existenz ge-habt, etwa das alte Bild der Eileithyia aufDelos ein ähnliches getragen habe. Wir fügenhier ein, dafs der im homerischen Hymnus be-richtete Zug, die Zurückhaltung der Eileithyiadurch Hera und die dadurch erschwerte Geburt,ein dichterisches Vorbild in der Ilias TI 14ff.hatte, wo eine ähnliche Geschichte von derkreifsenden Alkmene erzählt ist.
Die genauere Örtlichkeit der Geburt wardurch die Lage der delischen Heiligtümer vor-geschrieben. An den Fufs des Kynthos ver-legt sie bereits der homerische Hymnus (v. 26■xliv&stou notig Kvv&og ogog) und in dem derInterpolation verdächtigen v. 18 «*’ ’lvconoioqsi&Qoie· Näher bezeichnet die Stelle Kalli-machos (v. 206 ff.) als den Ort, wo der Inoposaus dem Kynthos entspringt. In dem seines ver-hältnismäfsig hohen Altertums wegen be-merkenswerten Zeugnis des Theognis (5 — 7)wird noch angegeben inl rgoxosi&si Xitivg, andem teichartigen, vom Inopos bei seinem Ausflufsgebildeten Bassin. Die Lokalisierung der Geburtgerade an diesem Orte erklärt sich dadurch,dafs hier, am Fufse des Kynthos, die vornehm-
sten Heiligtümer von Delos lagen, der Apollon-tempel, das Λητφον und ΕΙλειΰνίαιον. Indiesem Tempelbezirke wurden auch die dreiheiligen Bäume gepflegt, die Palme, welcheschon in der Odyssee (fl 62) erwähnt und vonTheophrastos (Pflanzengesch . 4, 13, 2) als Bei-spiel eines langlebenden Baumes hervorgehobenwird, der heilige Ölbaum und der Lorbeerbaum.Alle drei verdankten ihre Heilighaltung wohlsicher ihrem immergrünen Laube. Dem Welkennicht ausgesetzt mufsten sie geeignet erschei-nen, ihre lebenerhaltende Kraft bei den Keini-gungsceremonieen auch anderen Wesen mit-zuteilen. Die ätiologische Sage suchte denGrund ihrer Heiligkeit in demselben mythi-schen Ereignis, welchem alle Heiligtümer derInsel ihre Entstehung verdanken, in der Apollon-geburt. An die Palme sollte, wie der home-rische Hymnus (v. 117) und auch Theognis (v. 6)berichten, Leto während der Geburt sich an-geklammert haben. Andere setzten zur Palmeoder anstatt derselben den Ölbaum (Aelian. v. h.5, 4. Hygin. fab. 140. Catull . 34, 7), bei Euri-pides finden wir entweder den Lorbeer genannt(Hek. 458), oder Lorbeer und Palme ( Ion 919),oder alle drei Bäume (Iph. Taur. 1102).
Der wichtigste Nachtrag zum Mythus deshomerischen Hymnus war indessen, dafs man diehier bei Seite stehende Geburt der Artemis mit der ihres Bruders vereinigte. Als Tochterder Leto kennt jene bereits das ältere Epos.Hierin lag schon der Antrieb, sie in den Ge-burtsmythus des Bruders einzufügen. Nacheiner, wie es scheint, festen poetischen Tra-dition war der Geburtsort Όρτυγίη benannt.Homer nennt zweimal («123. o404) ein solchesLand, von offenbar ganz unbestimmter Lage(vgl. a. a. Ο. Όρτνγίης — ο&ι τροπαι ηελίοιο,man erinnere sich der obenerwähnten Etymo-logie von vert- 'wenden’, Όρτυγίη wäre also viel-leicht das Wendeland, wo die Sonne sich wendet).Kealität besafs dieser Name an drei Orten, dersyrakusischen Insel, einem Hain bei Ephesos und in einer Berggegend von Atolien (sieheArtemis Bd. 1 Sp. 578). Aufserdem galt Όρτυ-γίη nach Zeugnissen, die freilich nicht älterals die hellenistische Zeit sind, als alter (poe-tischer?) Name von Delos . Dieser Traditionhaben wir keinen Grund zu mifstrauen. Manbezog also den Geburtsort der Artemis — Or-tygie — entweder auf Delos oder auf Ephesos Die Zeugnisse für beides sind nicht alt, wennauch die Bezeugung von Delos bedeutend älterist ( Phanodemos bei Athen . 9, 392 D. Kallim.Hymn. Apoll. 59. Epigr. 62. Apoll. Ehod. 1,357;vgl. übrigens Aristoph. Vögel 870: Αητοί όρτυγο-μήτρα). Im homerischen Hymnus (v. 16: τηνμεν sv Ορτυγίη, τον δε ν.ραναη ivl Αήλω)würde eine gewichtige Instanz gegen Delos entstehen, wenn nicht die betreffenden Verseder Interpolation aus dem orphischen Hymnus 34verdächtig wären. So wird es wahrscheinlich,dafs, wenn auch vielleicht nach einem altenDichterzeugnis der Geburtsort der ArtemisΌρτυγίη genannt war, dennoch ursprüng-lich darunter kein anderer Ort als Delos ge-meint war. Die Geburt der Artemis wurdein Delos auf den 6. Thargelion gesetzt, einen
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