1969 Leto (Bedeutung)
Lieht auf ihre im Mythus so stark hervor-gehobene Solle als Mutter. Für den Kinder-segen entscheidend ist aufser einer fruchtbarenZeugung auch, dafs das Kind durch eineschnelle und glückliche Geburt gesund undlebend zur Welt kommt. Nicht ohne Grundwar deshalb im delischen Kult und Mythusdie Eileithyia zu Leto in nahe Beziehung ge -setzt, die 'Beschleunigerin des Kreifsens’, wiesich das Wort Είλεί&νια unschwer erklärenläfst (aus *&via zu &έω, &οός, &οάζω, &ώω'in schnelle Bewegung setzen’ und *εΙλεσ-'Windung, drehende Bewegung’ zu ί'λλω, ίλνγ-γνς, είλυω, είλίαβω u. s. w.). Der Stillstandder kreifsenden Bewegungen der Gebärerin istdie häufigste Ursache der Totgeburten. Nebender Eileithyia, deren Erscheinen auf Delos dievorbildliche Geburt beschleunigt, läfst derMythus auch die Geburtshelferin Artemis zumersten Male hier in Thätigkeit treten. Alsein ähnliches hülfreiches Wesen ist auch dieephesische Gefährtin der Leto, die Όρτυγίη('Dreherin’), anzusehen. Das Lieblingstierder Göttin ist endlich der Hahn, welcher nachdein Volksglauben leichte Geburten bewirkte.Auf den Geburtsakt sollten vielleicht auch diephaistischen Opfer ’Ev.övoia, die 'Herausziehe-opfer’, einwirken. Welche Beziehung der an-drogyne Leukippos, dessen Bild (Άγαλμα ) offen-bar im Heiligtum der Leto stand, zu ihr undwelchen Zweck der Brautschlaf vor diesemhatte, läfst sich natürlich schwer enträtseln.Man sollte meinen, dafs es sich um ein In-kubationsorakel handelte und dafs somit Λεύκ-ιππος (der ' Erleuehter’ mit gleichem Suffixwie Ξάν&ιππος, Κννιππος ), der Sohn des 'Er-leuchters’ Λαμπρών, ein prophetisches Wesenwar wie Teiresias , der ebenfalls androgyneWeissager. Hing es von dem doppelgeschlech-tigen Propheten der Leto ab, den Bräuten zuverkünden, ob sie Knaben oder Mädchen em-pfangen würden? Erschien er ihnen vielleichtim Traume je nachdem als Mann oder Weib?Inkubationen mögen einst auch in anderenHeiligtümern der Leto üblich gewesen sein.Aus ihnen erklärt sich ungesucht der Nameihrer Mutter Φοίβη , ein durchaus mantischerName, und ihres Vaters, des 'Schläfers’ Kotos.
Diesem wenigen, was sich etwa über dieFunktionen und das ursprüngliche Wesen derGöttin Leto ausmachen läfst, widerstreitet dieübliche moderne Deutung, die, wie viele ihres-gleichen, von einem wenig vertrauenswürdigenAutor des späteren Altertums mit leichter Handin Umlauf gebracht, vermöge des Trägheits-gesetzes aus einem modernen Handbuch derMythologie ins andere, von Natalis Conies bisPreller, herüberwandert. Wir meinen die Hev-leitung des Namens Λητώ von λή&ω, λαν&άνωund, was sich daran knüpft, ihre Deutung alsdie Verborgene, Dunkele oder die Verbergerin,die Nacht. Diese Deutung erscheint zuerstbei Plutareh, I)aid. c. 3. 4, der sich auf denKultnamen Ννχία beruft. Neuere Mythologensehen meistens im Letomythus den feierlichenGedanken ausgedrückt, dafs die Nacht dasLicht gebiert (vgl. Natal Comes 3,17. Welcher,Gr. G. 1 , 513. Preller, Gr. M. a 1 , 191). Die Zu-
Leto (Bedeutung) 1970
sammenstellung mit λή&ω, λαν&άνω, lateo istaus sprachlichen Gründen für unmöglich er-achtet worden ( Gurtius, Grdz. d. gr. Etym . 5 120),vielleicht mit Unrecht. Sachlich hat sie nichtdie geringste Stütze, es sei denn der übrigensselbst noch aufzuklärende Name Νύχια . DieseForm ist offenbar eine rein lautliche Variantezu Μνχία, kann also schwerlich die 'Nächtliche’bedeuten. Ältere Etymologen als Plutareh warenPlato (Kratylos p. 406 A) und Aristoteles beiTzetzes zu a 9. Ersterer erklärte Λητώ gleich-sam für Λειη&ώ von λείος 'sanft, milde’, dieser,wie auch Plato an zweiter Stelle und Aristarch,von λώ 'wollen’, die allen Bitten gegenüberWillige. In neuerer Zeit hat Döderlein, Homer.Gloss. nr. 96 die Herleitung von άλάομαι, αλή-της u. s. w. vorgeschlagen, mit Berufung aufdas berühmte Umherirren der Leto. Indessenerscheint die Etymologie nach den Gegen-gründen Schweizer - Sidlers, Kuhns Z. 2, 68lautlich unhaltbar. Wir vermuten, dafs derName Λητώ, als einer Gewährerin des Kinder-segens, mit dem indoeuropäischen Thema le·zusammenhängt, welches u. a. durch skr. Idund rd geben, gewähren, überlassen, asl. letz,jesti es steht frei, got. letan, lit. leidmi lassen,lat. lassus, gr. λάτρον, vielleicht auch λήϊον,vertreten ist und von Fiele, Wörterl·. 4 1,120. 539unter die allgemeine Bedeutung 'geben, ge-währen, überlassen [freilassen]’ gebracht ist.Es ist natürlich, dafs die Göttin, zu-welcherman um die Gewährung ehelicher Nachkommen-schaft flehte, nicht immer den erbetenen Segenspendete, sondern im Gegenteil auch die Ur-heberin von Kinderlosigkeit werden konnte.Von dieser verderblichen Seite zeigte sie sichz. B. in dem berühmten Mythus von der Niobe ,welche sie der Kinder beraubt. Auch ehelich^Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten mögen ihrzugeschrieben worden sein. Im Kult von.Argoserscheint an ihrer Seite eine Dienerin oderGefährtin Χλωρίς, die Gelbe oder Blasse, auchΜελίβοια genannt. Letzteres war auch eineBezeichnung der Zerstörerin Persephone . Wirdenken an μέλεος, was mit άλαός, μάταιος er-klärt wird und *ßoi- die vorauszusetzende Ab-lautung zu ßi- leben. Diese Nebengestalt derLeto wäre also ein Wesen, welches das Lebenvergeblich, nichtig machte. Nun kehrt genaudie gleiche Wurzelvariation, wie in Μύχια undΝνχία im lateinischen mug-inor neben nug-aewieder. Wir dürfen also wohl in jenen altengriechischen Worten, wie in den lateinischen,den Begriff des nichtigen, fruchtlosen* Thunsvoraussetzen,« wie er auch in skr. mogha 'ver-geblich’ und muh 'irre werden, fehlgehen,mifsraten, fehlschlagen ’ hervortritt. Kenn-zeichneten also jene Namen die Leto wahr-scheinlich als die Verursacherin . von fehl-gehender Zeugung und Gehurt, so konntensie vermutlich in einer anderen Auslegungauch die 'Fehlgehende", Irrende’ bezeichnen.Hieraus denken wir uns die Erzählung vondem vergeblichen Irren der Leto entstanden,ein Zug, welcher sonst jeder verständlichenMotivierung entbehrt.
Die griechische Göttin Leto ist, wie wirzum Schlufs erwähnen, im Auslande mehreren
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