Band 
Zweiter Band, zweite Abteilung. Laas - Myton.
Seite
3013-3014
JPEG-Download
 

3013 Minyaden

nannten Argonautenhelden von Iolkos erst inspäteren Genealogieen von Minyastöchtern ab-geleitet wurden (s. d. Art. Minyas), deren Namenaber mit den angeführten Namen der Minyadenvon Orebomenos nicht übereinstimmen. Aberauch die Abstammung der letzteren von Minyasnach dem Zeugnis des Antoninus und Plutarch a. a. 0. findet in den mannigfachen Genea-logieen, in welche derselbe verflochten scheint(s. d. Art. Minyas) keine weitere Bestätigung.Deshalb vermutet Buttmann, Mythol. 2, 204,dafs die ursprüngliche Sage nur Minyades,Töchter des Minyerstammes, genannt habe,und dafs erst bei einer ausführlicheren Dar-stellung, sonstigen Vorgängen entsprechend,die Mehrheit in drei Namen verkörpert wor-den sei. Hiervon ist vielleicht soviel richtig,dafs sie in Orchomenos ursprünglich nicht alsTöchter des Minyas selbst, sondern nur als zuseinem Geschlecht gehörig angesehen wurden.

Der Mythos von den Minyaden lautet,wenn man die wesentlichen Motive aus derErzählung des Anton. Lib. 10 nach Korinna und Nikandros, aus Plutarch qu. Graec. 38 undAelianv.h. 3, 42 herauszieht: Als bei der Ver-breitung des orgiastischen Dionysosdienstes dieFrauen in Orchomenos (die verwandten Sagenvon anderen Orten Griechenlands s. Rhein . Mus.27, 608 f. und oben Bd. 1 Sp. 1052 f.) sich derbakchischen Raserei hingaben und durch Feldund Wald schwärmten, beteiligten sich dieMinyaden nicht, weil sie sich von ihren Män-nern und der häuslichen Arbeit nicht trennenwollten. Hierdurch aber erregten sie den Zorndes Dionysos . Plötzlich schlangen sich Epheu-und Rebzweige um die Webstühle, an welchensie arbeiteten, und von der Decke träufelteWein und Milch. Die Minyaden ergriff die bak-chische Raserei (τής μανίας άρξάμεναί, Älian ),und nach Menschenfleisch lüstern (μανείοαςανθρωπίνων επιθυμήβαι κρεών, Plutarch ) er-griffen sie den zarten Knaben der Leukippe,Hippasos, und zerrissen ihn wie ein Hirsch-kalb. Dann eilten sie epheugeschmückt aufdie Berge, um sich den anderen Mainadenanzuschliefsen. Diese aber, fährt Älian fort,verfolgten sie wegen der Blutschuld (Sta τοάγος). Der Sinn des Mythos ist also: unterder unmittelbaren Einwirkung des Gottes, diesich durch die Wunderzeichen ankündigt, wer-den die Minyaden, welche dem weiblichenBeruf ergeben und somit der bakchischen Er-legung abgeneigt sind (s. (Rhein . Mus. 27, 609),in Mainaden umgewandelt, und zwar wird zurStrafe für ihr Widerstreben gegen die Beteili-gung an der bakchischen Feier die μανία inihrer stärksten Form, der ωμοφαγ ία (s. oben„Mainaden“ Bd. 2 Sp. 2250), über sie verhängt,so dafs sie ganz als Mainaden handeln, aberzu ihrem eigenen Verderben, indem sie dasUnterpfand, das sie an Haus und Gemahlknüpft, vernichten. Es dürfte daher in demüber die Minyaden verhängten Wahnsinn keinWn der bakchischen μανία wesentlich ver-schiedener Zustand (wie Voigt oben Bd. 1.P· 1055 annimmt) zu erkennen sein, wie esüberhaupt natürlich erscheint, dafs die Machtüer Geistesverwirrung vorzugsweise den or-

Minyaden 3014

giastisch verehrtenVegetationsgottheiten, aufserDionysos besonders Kybele und Pan, zuge-schrieben wird.

Von der obigen, vorzugsweise aus Plutarch und Älian (der seine Erzählung nach Rudolph,Leipziger Studien 7, 40 f. aus einem älteren Lexi-kon geschöpft hat) entnommenen Darstellungdes Mythos weicht Nikandros hei Anton. Lib. 10nicht unwesentlich ab. Die Züge, welche ihmeigen sind, weisen auf eine dramatische Be-arbeitung der Sage hin. Die Minyaden tadelndie anderen Frauen, dafs sie die Stadt ver-lassen und auf die Berge schwärmen (wie Pen-theus bei Eurip. Bakch. 217). Dionysos trittin Gestalt einer Jungfrau (wie bei Aischylos’Edonen fr. 59 und Eurip. Bakch. 453 in Jüng-lingsgestalt) zu ihnen und ermahnt sie, sichan der Feier zu beteiligen, aber sie achtennicht auf seine Warnung (vgl. die ähnlicheSituation Eurip. Bakch. 266 f.). Nun verwan-delt sich der erzürnte Gott in einen Stier,Löwen und Panther (vgl. ebd. v. 1017), wäh-rend Nektar und Milch von den Webstühlenträufeln. Diese Zeichen setzen die Frauen inSchrecken, sie werfen um ihre eigenen Kinderdas Los, um dem Gotte ein Opfer darzubringen,es trifft Leukippe, und so erfolgt die Zerreifsungdes Hippasos.

Den wohl nicht zu der ursprünglichen Ge-stalt des Mythos gehörigen Schlufs der Er-zählung bildet die Verwandlung der Minyadenin Nachtvögel, welche Nikandros der Bearbei-tung der Sage bei der dem Schauplatz der-selben örtlich nahestehenden Dichterin Korinna in dem Gedicht mit dem zweifelhaften Gesamt-titel Έτερο ta, vielleicht auch mit der beson-deren Aufschrift Μνννάδες {Berg, P. L. Gr. 3 1p. 545. 551), entnommen zn haben scheint. Fürdie dramatischen Züge seiner Darstellung istschwerlich derselbe Ursprung anzunehmen. Aberauch die näher liegende Herkunft der letzterenaus den Xantriai des Aischylos, welche nachder wahrscheinlichsten Annahme das Schick-sal der Minyaden zum Gegenstand hatten (vgl.Böckh, Graec. trag, princ. c. 3. Fritzsche,Aristoph. ran. p. 413—417. Wecklein, Einl. zuEurip. Bakchen p. 7), ist bei der Verschieden-heit der für dieses Drama den Fragmentenzufolge (ZV. Gr. Fr. 2 nr. 168 —172) anzuneh-menden Personen verglichen mit den aus Ni-Jcandros sich ergebenden Scenen zum mindestenunwahrscheinlich. Ovid Met. 4,1 f. hinwiederumhat im Verhältnis zu seiner ausführlichen Dar-stellung, welche einzig auf die Metamorphoseabzielt und auch die wunderbare Erscheinungvon Epheu- und Rebzweigen als eine solchebehandelt, wenig mit Nikandros gemein undweicht dagegen in wesentlichen Dingen, aufserdem oben Bd. 1 Sp. 1053 Z. 13. 16 Angeführten,besonders auch in der Verlegung der Scenenach Theben und in der Einführung desPriesters nebst dem ganzen Apparat der bak-chischen Feier von ihm ab, infolge deren derbakchische Kultus als ein schon längst be-stehender, nicht eben erst sich einführenderdargestellt wird, so dafs also der Schauplatzund die Situation verändert ist.

Den Mythos von den Minyaden führt Plu-95*

io

20

so

40

50

60