109 Rhesos (Etymologie)
in Bithynien galten z. T. für die von Troja nach dem Tod des Rh. hierher gezogene Mann-schaft des Rh., z. T. aber nahm man wohlauch an, Rh. selbst habe schon zuvor in Bi-thynien geherrscht. Porphyr, in Schol. Ven. BHom. 11. 2, 844 erklärt, Rh. habe kleinasiatischeThraker geführt, und zwar Thraker, die περίΛυδίαν wohnten. Thraemer, Pergamos 312 ff.vermutet, daß περί Θννίαν zu lesen sei, underinnert an Herodot 7, 75, nach dem die Bi- ιthynier vom Strymon her zugewanderte Thrakersind, sowie daran, daß der Rhebas-Fluß auchden Namen Rh. führte.
In der Gegend von K i o s spielt die Geschichte,die Parthen. 36 nach den Bithyniaka des Askle-piades von Myrlea erzählt: Rh. zog, ehe ernach Troja ging, weit umher und der Ruhmder schönen, menschenfeindlichen Jägerin Ar-ganthone lockte ihn nach Kios. Er gewannihre Liebe, indem er Menschenbaß und Jagd- 2tust heuchelte, und heiratete sie. Als späterder trojanische Krieg entbrannte und Rh. umHilfe ersucht wurde, wollte Arganthone ihnzurückhalten. Allein er zog fort und wurdevor Troja , als er an dem später nach ihm ge-nannten Flusse Rh. kämpfte, von Diomedes getötet. Als Arganthone sein Ende erfuhr,zog sie sich an den Ort ihrer Brautnacht zu-rück, herumirrend rief sie dort fortwährendden Namen Rh., verschmähte Speise und Trank 3(so hat Bohde, Bhein. Mus. 1894, 624 den Texthergestellt), und endete so aus Trauer ihrLeben. — Diese Erzählung verknüpft die ver-schiedensten Motive und literarischen Erinne-rungen. Der große Eroberungszug des Rh.entspricht der Schilderung der Tragödie „ Bhe-sos a , der Fluß Rh. wird wegen Hom. 11. 12, 20genannt, das Herumirren unter dem Rufen desNamens Rh. entstammt der Hylassage. In denEinzelheiten steckt schwerlich altes Sagengut. 4Immerhin aber wird ein Rh.-Kult für Kiosvorauszusetzen sein. — Daß Arganthone, dieEponyme des Arganthonion bei Kios , die Gattindes Rh war, sagt auch Steph, Byg. s. Λργαν&άν,und Arrian. fr. 40 b. Eustath Bionys. Perieg.322. 809, der Thvnos und Mysos Söhne derArganthone nennt, hat vielleicht Rh., sichernicht Zeus , für den Gemahl der Arganthonegehalten; Valckenaer wollte deshalb auchΑργαν&ώνης τής ' Ρήβον γνναικάς statt Άργ. 5τής γενναίας schreiben.
Namenserklärung. Das Wort Ρήαος oder’Ρήββος ist noch nicht sicher erklärt. Tomaschek,Sitzungsber. der Wiener Akad. philos.-hist. Kl.130, 53, der wohl mit Recht den Namen fürthrakisch hält, meint: „wenn aus ' Ρήξος ge-mildert, konnte er einfach rex, got. reiks, skr.rag = König bedeutet haben.“ Andere hieltenden Namen für griechisch, wollten ihn vonρε'ω herleiten (vgl. auch Etym . Magn. 287, 41 6s. Λρήΰος) und ihn, was sprachlich kaum mög-lich ist, schlechthin als „Fluß “, oder als „ge-schwätzigen“ Fluß erklären. Gruppe, Griech.Myth . 214, 1 verweist auf Suid. ρηβίαρχος, οςέρέει τα ϋ'έοψατα (vgl. Phot. S. ρηβίαρχος,Hesych. s. ρησόααρχος) und deutet Rh. als„Propheten“. Allein Ps. Eurip. Bhes. 972, wo-rauf die alte Charakteristik des Rh. als „Wald-
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prophet“ (v. Wilamoivitz, Homer. Untersuch. US )sich einzig stützte, ist, wie schon bemerkt, vonMaaß, Orpheus 68 richtig auf Orpheus be-zogen.
Wesen des Rh. Man wird in Rh. nichtmehr mit Preller-Plew, Griech. Myth, 2, 428„eins von den zahlreichen Bildern früh ge-brochener Jugendblüte“ sehen. Denn die ganzeSage vom Tode des Rh. beruht darauf, daß inAbdera Diomedes den Kultplatz gewann,den einst Rh. eingenommen hatte. — Manward auch daraus, daß Rh. Sohn des FlußgottesStrymon genannt wird, keinen Schluß mehrauf das Wesen des Rh. ziehen. Denn überallwerden ganze Scharen von Landesheroen anden Hauptfluß ihrer Heimat genealogisch an-geknüpft. — Ebensowenig Gewicht wird manjener Geburtssage beimessen, daß die Museihren Sohn Rh. in den Fluß warf und Quell-nymphen ihn aufzogen. Denn diese Erzählungist nach einem bekannten Schema geschaffen,das z. B. auch — worauf Hiller von Gaertringena. a. O. 81 hinweist — für Eumolpos wieder-kehrt (s. oben Bd. 1 Sp. 1402).
Auch das Verhältnis des Flusses Rh. zumHeros Rh. wird heute anders beurteilt werden,als früher. Plew, Jahrb. f. Philol. 1873, 202meinte noch, der troische Fluß Rh. sei dasÄltere; dann habe die Dichtung frei einenHelden Rh. erfunden und ihm den Namen desFlusses beigelegt, ohne damit irgendwelcheFlußnatur des Helden ausdrücken zu wollen.Preller-Plew, Griech. Mythol. 2, 429 Anm. be-zeichnet umgekehrt den Helden Rh. als einenFlußgott des Volksglaubens von Thrakien undMysien. Gruppe, Griech. Myth . 745 hat abereine Reihe von Beispielen dafür zusammen-gestellt, daß Quellen und Flüsse mit den Namender an ihnen verehrten Gottheiten bezeichnetworden sind, ohne daß diese Gottheiten ansich Quell- oder Flußgötter waren. Die Thrakerkönnten demnach auf ihrer Wanderung vomStrymon bis Bithynien usw. den Kult ihresRh. mitgebracht und, ohne daß Rh. ein Fluß-gott gewesen wäre, auch einem Fluß den Na-men des Rh. beigelegt haben. Daß Homerkeinen Zusammenhang zwischen dem Fluß derTroas Rh. und der Sage vom Tod des HeldenRh. in der Troas , kennt, ist kein Zufall. DerFlußname ist ein Überbleibsel alter thrakischerAnsiedelungen in Bithynien und der Troas .Die Sage vom Tode des Rh. aber haben Grie-chen in Abdera geschaffen, und die Dichterhaben sie ohne jede Rücksicht auf den Fluß-namen in das Epos vom trojanischen Kriegübertragen.
Wer das Wesen des Rh. deuten will, kannallein von seinem Hauptmerkmal, dem Besitzder schnellen weißen Rosse, ausgehen. Mankönnte an die Beziehungen des Poseidon zuden Rossen, an die schneeweißen Rosse desHelios, an die windschnellen Rosse der Sturm-und Windgötter denken. Aber am nächstenliegt der Gedanke an die berühmten Rosse desAres und so mancher Kriegshelden. Je selbst-bewußter der Mensch ist, desto lieber schaffter sich seine Götter und Helden nach seinemBilde. Und so ist Rh. ein echter Repräsentant