791 Sibylla (Name; Geschichte)
lateinischen sapius = weise auffaßt. (Vgl. Cuno,Jahrb. f. Phil. 1878, S. 807). Varro (bei Lac-tantius, inst. 1, 6) leitet den ersten Teil desWortes von dem aeolischen «dg = Usos undden zweiten vom aeolischen ßvXrj — ßovXy, sodaß Ziß. sei = ftsov ßovXrj. Dieser Etymologiestimmt bei Alexandre (Oracula Sibyllina 2,S. 1) und Baunack (Stud. auf dem Gebiete dergr. u. arischen Sprache 1, 1, 64). Nur denersten Teil der varronischen Deutung behältbei Hofjinann (Ilhein. Mus. 1895, S. 109 ff.),während er — ßvXXa ableitet vom StammeIA, FIA, der enthalten ist in i'Xaos, ilpyi. Nachihm bedeutet Ziß. gottsühnend. Doch abge-sehen davon, daß aiog überhaupt nicht aeolisch,sondern dorisch ist (Meister, Griech. Dialekte,1, S. 1213), das Wort Ziß. aber unmöglich ausdem Dorischen stammen kann, ist der Kultder Sib. und also auch der Name aller Wahr-scheinlichkeit nach überhaupt nicht griechi-schen, sondern orientalischen Ursprungs. (Vgl.Pohde, Psyche 2 8 , 13. 63—66; Geffcben, Preuss.Jahrb. 106, 2, S. 193.) Deshalb ist es auchverfehlt, wenn Postgate (American Journal ofPhilology 3, S. 333 f.) Ziß. nach dem VorgängeBergls (Griech. Literaturgesch. 1, S. 342) mitden Stämmen von aoepog und Zißvtpog zusam-menzubringen sucht. Daß ZißiXXa als Frauen-name auf einer attischen Inschrift des 4. vor-christl. Jahrhunderts vorkommt, beweist natür-lich nicht den griechischen Ursprung des Wortes(Blaß, Einleitung zum 3. —5. Buche der sibyl-linischen Orakel bei Kautzsch, Die ApokryphenundPseudepigraphen desAlten Testaments S. 177).Als orientalisch sucht den Namen Ziß. zuerweisen Gruppe, Kulte und Mythen 2, S. 675und Griech. Mythologie und BeligionsgeschichteS. 927. Nach ihm bedeutet ihr wahrscheinlichphönizischer oder aramäischer Name 'ergriffenvom Gott ’. Bedenken dagegen erhebt Kestle,Berliner phil. Wochenschrift 24, S. 765. Einesichere Deutung des Wortes ist bis jetzt nochnicht gegeben. Als eine Verkürzung von Si-bylla wurde nach Macrobius (Sat. 1, 17) derlateinische Name Sulla angesehen, natürlichunberechtigterweise.*)
Geschichte. Die Etymologie des WortesSib. bietet uns also keinen Anhalt für die Er-gründung ihres Wesens. Wir müssen uns daheran das halten, was die Schriftsteller von ihr !berichten. Da ist denn besonders zu betonen,daß die älteren griechischen SchriftstellerZißvXXa nur als Eigennamen kennen. Wirübertragen lediglich unseren Begriff Sib. undden des späteren Altertums auf die ältere Zeit,wenn wir sagen, daß damals nur eine Sibyllebekannt war. Man kannte eben nur eineSeherin mit Namen Sibylla . Das wird eineBetrachtung der ältesten Zeugnisse lehren.
Für uns ist der erste Heraklit (vgl. Diels, iVorso7fr. 2 1 S. 75 fr. 92), der sie erwähnt. DieseStelle findet sich bei Plutarch und lautet: Zi-ßvV.a (so ohne Artikel!) ät ucavoutve» oxoyaxi
[*) Ganz neuerdings ist die Vermutung ausgesprochen•worden, daß 2ljivXXa mit lat. sibilo (vgl. griech. ai< a>) Zu-sammenhänge und die f zischelnde’, undeutliche Spracheder gottbegeisterten Seherin (man denke an die Spracheder Pythia I) bezeichnen solle.]
xa&’ ' HqccxXslxov ayiXaßxa v.ctl dxuXXontißxa %aiccyvQiaxa tp&tyyoyivr, %iXicov ’Jxmv £igiy.vstxcuxfj cpiovij Sed xbv fffdr (de Pyth. or. 6). Sichersind davon die ersten hier in Betracht kommen-den Worte aus PierakUt. Von den beidenStellen aus Aristophanes (Fax V. 1095 f.:ov yap xavx’ eins ZißvXXa, und V. 1116) istnatürlich nicht der Inhalt, wohl aber die Tat-sache wichtig, daß auch er nicht von binerSibylle, sondern von der Sibylla redet. Un-zweifelhaft endlich geht das hervor aus Ps.-Plato, Theag. 124 D. Hier fragt Sokrates , wel-chen Beinamen (ixtavvyia) Bakis, Sibylla undAmphilytos haben. Theages antwortet, sieseien igrißgcpSoi. Sibylla bedeutet also nichtSeherin, sondern sie ist eine Seherin (vgl.auch Plato , Phaedrus 244).
Es ist also festzustellen, daß Sibylla beiden Griechen der älteren Zeit Eigenname underst später Gattungsname geworden ist, eineErscheinung, die sich in ähnlichen Fällen be-obachten läßt (Caesar, Caesaren, Kaiser), unddie bei der Sibylla durch die große Ausbreitungihres Kultes ganz erklärlich ist. Wenn nunbei den Schriftstellern der späteren Zeit, dieschon verschiedene Sibyllen kennen, von derSibylla die Bede ist, so müssen wir darausschließen, daß an solchen Stellen eine ältereQuelle zugrunde liegt (Paus. 10, 2 verglichenmit 7, 8, 8; 2, 7, 1 u. a.; Plut., de Pyth. or. 9verglichen mit Theseus 24; Quaest. conv. 5,2 u. a.).
Ob man sich in der älteren Zeit die Sib.schon lokalisiert gedacht hat, darüber erfahrenwir nichts. Überhaupt ist das einzige, was wiraus all den Stellen über ihr Wesen erfahren,daß sie ycuvoylvco ßxoyaxi, also im orgiastischenZustande ihre Orakel gegeben hat.
Diese Seherin mit Namen Sibylla soll nachArrian (F. H. G. 3, 598, 64) die Tochter desDardanos und der Neso, der Tochter des Teu-kros, gewesen und nach ihr sollen auch anderewahrsagende Frauen genannt worden sein.
Zwischen der Zeit, die nur die Sibylla, undder, dieverschiedene Sibyllen kennt, liegt einÜbergangsstadium, in dem die Sibylla an ver-schiedenen Orten weissagt. Der für uns ältesteSchriftsteller, der sie lokalisiert kennt, Hera-clides Ponticus, nennt bereits zwei Orte, dieAnspruch auf die Sibylla erheben (bei Cle-mens Alex., Strom. 1, 108; vgl. auch Varro beiLact. a. a. O.). Aus der etwas unklaren Stelledes Clemens geht hervor, daß Heraclides dieSibylla in Phrygien lokalisiert gekannt hat,und zwar in Phrygien am Hellespont· , da Varrodieselbe die hellespontische nennt. Varro fügt auch den Ort hinzu, niimlich das Dorf Mar-pessus in agro Troiano. Die hier lokalisierteSibylla sei auch nach Delphi gekommen undhabe da geweissagt. Neben dieser Sibyllahabe Heraclides auch noch die erythräischeerwähnt, fügt Clemens hinzu. Der wirklicheSachverhalt wird uns klar durch die bekannteAufzählung der Sibyllen bei Paus. 10, 12.Da erfahren wir, daß Marpessos, das uns nurwegen seiner Sibylle bekannt gewordenist, im Streite lag mit Erythrae. Beide be-haupteten , die Geburtsstadt der Sibylla zu