Band 
Vierter Band. Qu - S.
Seite
795-796
JPEG-Download
 

795 Sibylla (Geschichte)

sehen Kultstätten zur Erklärung ihrer Spruch-sammlungen die Annahme genügt, daß dieSibylla zu ihnen gekommen sei, eine Zeitlanggeweissagt und dann ihre Wanderung fort-gesetzt habe. Über ihre Heimat wird ursprüng-lich wahrscheinlich überhaupt nichts bekanntgewesen sein. Soweit wir es zurückverfolgenkönnen, macht Marpessos zuerst darauf An-spruch, Geburtsort der Sibylla zu sein. Ihmfolgte mit weniger Recht, aber mehr ErfolgErythrae, das anfangs vielleicht auch nur eineDurchgangsstation auf der Reiseroute der Si-bylla war. Das veranlaßte andere Städte, sichgleichfalls als die Heimat der Seherin auszu-geben.*) Solche spätere Lokalsagen finden wirin Delphi (Plut., de Pyth. or. 9) und in Cumae (Paus. 10, 12, 8). Wahrscheinlich haben sieauch in anderen Städten existiert. So hörteman denn von der Sibylla von Erythrae, Del-phi, Cumae und anderen, und dadurch mußte not-wendigerweise das Wort Sibylla Gattungsnamewerden. Davon war wieder nur die Konse-quenz, daß man den einzelnen Sibyllen zurUnterscheidung Eigennamen gab. So bekamdie erythraeische den Namen Herophile, diesamische Phyto, die cumanische Demo usw.

Preller-Pobcrt, Griech. Myth., S. 282, hältalso mit Unrecht die Herophile und die Phytofür historische Persönlichkeiten. Ebensowenighaben wir in den Sibyllen überhaupt ekstati-sche Weiber im 8. Jahrhundert zu erblicken,wie Geffcken (a. a. 0. S. 195) es will. Damitfällt auch die Hypothese, die Geffcken in derEinleitung zu den Christlichen Sibyllinen (beiHennecke, Neutestamenttiche Apokryphen S. 319)aufstellt:Eine Sibylle löste die andere ab;aber im Dienste der heiligen Begeisterung ver-schwand der Unterschied der einzelnen Per-sönlichkeiten. So entwickelt sich mit der Zeitdie Fiktion von einer einzigen uralten heiligenSeherin.

Wenn uns schon die Sagen von der Wan-derung der Sibylla auf die Annahme von Kult-stätten au den Ruhepunkten der Reise führten,so wird die Entstehung der erwähnten Lokal-sagen nur unter jener Voraussetzung verständ-lich. Sie verraten ein solches Interesse an derSibylle , daß es bei so weit voneinander ent-fernten Städten wie Erythrae, Delphi undCumae nur durch Annahme jener realen Grund-lage # zu erklären ist.

Überblicken wir den zurückgelegten Weg,so finden wir, daß für uns der Ausgangspunktder Sibylla und ihres Kultes die Stadt Mar-pessos in der Troas war. Hat es hier nunjemals eine Frau, namens Sibylla , gegeben,deren Prophezeiungen der Grundstock der si-byllinischen Orakel geworden sind? Das zuentscheiden, fehlt uns die feste Grundlage.Doch scheint die Natur des sibyllinischen Kultesund besonders der Name der Seherin, der sichaus dem Griechischen nicht erklären läßt, auforientalischen Ursprung hinzuweisen, was auchPohde , Gruppe und Geffcken annehmen. WennAelian und Philetas unter den ältesten Si-

[*) Man denke dabei auch an die verschiedenen Städte,welche sich um die Ehre stritten, der Geburtsort Homers zu sein. R]

Sibylla (Sage v. Marpessos) 796

byllen die von Sardes und Varro die vonAncyra erwähnt, so sind diese Städte vielleichtÜbergangspunkte zu dem griechischen Sibyllen-kulte gewesen. Dasselbe würde von Thyatiragelten, wenn die Sibylle Sabbe (s. d.) oderSambethe identisch ist mit der dort verehrtenSambethe (vgl. unten die jiid. Sib. S. 802).Dann ist die griechische Sibylla eine reineSagenfigur, deren Name dem Oriente entlehntist, und die ihr Dasein nur dem Umstande ver-dankt, daß man die Entstehung der Sprüchedurch die Fiktion der Sibylla der großenMenge plausibel machen konnte. Ihre Berühmt-heit hängt also eng zusammen mit der großenVerbreitung des sibyllinischen Kultes.

Sagen. Zunächst sind die Sagen zu er-erwähnen, die von der Sibylla im allgemeinenverbreitet waren.

Besonders charakteristisch ist für sie dieBemerkung Heraklits, sie habe yuivoysvcpatoyari geweissagt. Dieser Zug findet sich auchbei anderen Schriftstellern und an vielenStellen der sibyllinischen Sprüche. Damitwird erstens auf die begeisternde Gewalt desGottes Apollo hingewiesen, dann aber hatteman dadurch auch eine bequeme Erklärungfür die zum Teil recht schlechten Verse undfür die Verwirrung und die vielen Wider-sprüche, die sich darin finden und die schonden Alten auffielen (vgl. Plut., de Pyth. or. 6).

Ferner ist bezeichnend für die Sibylla dashohe Alter, das man ihr zuschrieb und das sieselbst häufig in ihren Versen erwähnt. Es warsogar sprichwörtlich geworden in der WendungZhßvllilS uQxaiÖTSQog (Macarius 7, 61). Manmußte deswegen ihre Geburt in uralte Zeitenzurückverlegen. Dadurch konnte man sie mitden sagenhaften Gestalten der griechischenHeldenzeit in Verbindung bringen. So sollsiebei den Wettkämpfen, natürlich musischen,zugegen gewesen sein, die Akastos beim Todeseines Vaters Pelias veranstaltete, und solldabei den Sieg davongetragen haben (Ake-sander bei Flut., Quaest. com. 5, 2.) Das stehtvielleicht im Zusammenhänge mit der Nach-richt des Scanion (bei Athen . 14, 637 b) und desSuidas , sie habe ein Saiteninstrument, namensSambyke, erfunden oder zuerst in Gebrauchgenommen.

Die meisten dieser Sagen sind jedoch aufdie lokalisierten Sibyllen übergegangen undwerden deshalb am besten bei deren Behand-lung erwähnt.

1. Die Sibylla von Marpessos gibt sichin den oben (S. 793) angeführten Versen alsdie Tochter einer Nymphe und eines sterb-lichen Mannes aus. Geboren sei sie im Ida-gebirge. Später bekam sie den Namen Hero-phile, der dann auf die erythraeische über-ging. Auch die Bewohner des benachbartenAlexandria wollten ihren Anteil an dieserHerophile haben und behaupteten deshalb, siesei eine Neokore im Tempel ihres ApolloSmintheus gewesen. Im Haine dieses Tempelszeigten sie auch ihr Grabmal, Pausanias führtdie Grabschrift an (Paus. 10, 12). Von ihrenWanderungen und deren Bedeutung war schondie Rede.

io

20

30

40

50

60