797 Sibylla (Sage v. Erythrai )
Daß von dieser Sibylla soviele Sagen ver-breitet werden, die Bezug nehmen auf Homer und den trojanischen Krieg, führt uns wiederauf Marpessos als älteste Kultstätte, da dieseben an Stelle des alten Troja lag. Wenn wiralso solche Züge auch bei der Sibylle vonErythrae und anderen finden, so sind sie offen-bar von jener übernommen, können demnachgleich hier mit erwähnt werden.
Apollodor von Erythrae (bei Varro a. a. 0.)berichtet, die Sibylla habe den nach Troja ziehenden Griechen geweissagt, daß die Stadterobert werden und daß Homer Lügenhaftesschreiben werde. Auch der Gedanke findetsich, daß Homer ihren Versen manches ent-lehnt habe ( Eustath . zur II. 5, 299). NachPaus. 10, 12, 1 hat sie geweissagt, daß Helenazum Verderben für Asien und Europa geborensei, und daß Ilion ihretwegen erobert würde.Auch habe sie den Traum der Hekabe ge-deutet (Paus. 10, 12, 5). Unwillkürlich kommtdabei die troische Königstochter Kassandra indie Erinnerung, von der Euripides (AndromedaV. 296) dasselbe erzählt. Auch die Bemerkungvon dem Zwiste zwischen der Sibylla undApollo, den sie in ihren Versen ( dem . a. a. 0.)erwähnt, deutet wohl auf Kassandra hin.Wahrscheinlich war auch die Ursache dieselbe,denn nach Paus. 10, 12, 2 nannte sich dieSibylla auch die yvvr\ yagsrij des Apollo. AlsStrafe hatte Apollo über die Kassandra ver-hängt, daß man ihren Orakeln keinen Glaubenschenkte. Auch dieser Zug findet sich in denVersen der Sibylla wieder (Phlegon, de longaev.4). Die beiden Gestalten sind schon vonSuidas zusammengebracht worden (u. Elß.),der von der phrygischen Sibylle die Notizbringt, sie habe auch den Namen Kassandra geführt. Nun wissen wir, daß Kassandra ur-sprünglich nicht als Seherin bekannt war, z. B.bei Homer . Es liegt also nahe, anzunehmen,daß dieser Zug von der Sibylla auf die tro-janische Königstochter übertragen ist.
Als Zeitangabe finden wir für unsereSibylle ausser denen, die sie in die graueVorzeit zurückversetzen, die Angabe des He-raelides (bei Varro ), sie habe zur Zeit desSolon und Cyrus gelebt. Er kannte alsooffenbar eine Geschichte, in der die Sibyllamit diesen beiden Männern in Verbindunggebracht war. Zweifellos ist das dieselbe,die wir bei Eicolaus aus Damascus (fr. 67und 68) finden. Danach hat Cyrus die SibylleHerophile aus Ephesus zu sich holen lassen.Als Croesus den Scheiterhaufen bestieg, habesie vor der Verbrennung des Königs gewarnt.Die Stadt Ephesus ist hier wohl nur irrtüm-licherweise genannt.
Für die Sibylle von Marpessos finden sichauch die Bezeichnungen die phrygische, helles-pontische, gergithische und trojanische.
2. Die bekannteste der griechischen Sibyllenwar die von Erythrae. Genauer müßte esheißen, der Ruf der Seherin Sibylla ist ammeisten verbreitet worden durch das Orakeljener Stadt. Durch die Bedeutung von Ery-thrae scheint das Ansehen der Sibylla vonMarpessos und ihrer Kultstätte vollständig
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geschwunden zu sein. Sie wäre vielleicht ganzvergessen worden, woran ja die Erythraeerdas größte Interesse hatten, wenn sich nichtgelehrte Antiquare ihrer angenommen -hätten.Jedenfalls nimmt Erythrae unter den sibyllini-schen Orakelstätten eine ähnliche Stellung einwie Delphi unter den anderen. Von der Bedeutungder Seherin für Er. legen die allerdings spätenMünzen Zeugnis ab, auf denen sie dargestelltist (Mionnet, nr. 634 u. 557. Head, PL. N. 499G6A CIBYAAA. Gatal. of the greek coins Brit.Mus. lonia p. 150: Veiled female figure seatedl. (the sibyl Herophile raising her r. hand toher chin, l. resting on seat = pl. XXXVIII, 10).Von der marpessischen Sib. ist der Name Hero-phile auf sie übergegangen. Daneben kommtnoch der Name Artemis (Paus. a. a. 0.) undSymmachia (Mart. Cap., 8 . 44, 19) für sie vor.Ihr Vater wird Theodoras genannt, ihre Muttersei eine Nymphe gewesen. Am Berge Korykoswurde eine Höhle gezeigt, in der sie geborensein soll (Paus. a. a. 0.). Nach ihrer Geburtsoll sie in kürzester Zeit herangewachsen seinund sogleich in Versen gesprochen haben (Her-mias zu Platos Phaedrus 244). In ihren Sprüchen
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Links: Senatus, rechts: Sibylla von. Erythrai sitzend(nach Catalogue of the greek coins Brit. Mus. IoniaTaf. XXXVIII Abb. 10J.
habe sie selbst erzählt, sie sei schon in zarterJugend wider ihren Willen von ihren Eltern demTempel des Apollon geweiht worden und habedort mit einem Diadem geziert die Orakel ge-geben (Eus., or. ad sanctos 18). Inwieweit der andieser Stelle erwähnte Dreifuß in ihrem Kulteeine Rolle gespielt hat, können wir nicht fest-stellen. Über ihren Tod hat sie selbst vorher-gesagt, daß sie dereinst durch einen Pfeil desApollo umkommen werde (Phlegon, de longaevis4). Alle diese Züge sind wahrscheinlich poe-tischer Schmuck der späteren Orakelverfertiger.Über die Ausübung des Orakeldienstes habenwir für Erythrae keine Kunde. Doch scheinendie Sprüche schon zur Zeit Alexanders des■Großen einer Auffrischung bedurft zu haben.Strabo (14, 645 und 17, 814) berichtet nämlichvon einer erythraeischen Wahrsagerin aus dieserZeit, namens Athenais, die ganz ähnlich ge-wesen sei der Sibylla. Wahrscheinlich istdurch sie der Orakelvorrat ergänzt worden.[Über die 9 ysvscd zu je 110 Jahren betragendeLebensdauer dieser Sibylle s. (Roscher, Hebdo-madenlehren S. 203 u. Tessarakontaden S.43A.39.]3. Durch die Wanderungen der Sibyllawurde mit den genannten beiden Kultstättenin Verbindung gebracht der delphische Kultder Sibylla . Denn, wie oben ausgeführt,müssen wir einen solchen auch für Delphi an-nehmen, da die Seherin von dem Kulte un-zertrennlich ist. Daß derselbe neben dem der
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