800
799 Sibylla (Sage v. Delphi, Cumae )
Pythia bestanden habe, ist höchst unwahr-scheinlich. Schon der adjektivische NamePythia scheint mir auszuschließen, daß zweidelphische Seherinnen nebeneinander bestandenhaben können. Dann muß der Sibyllendienstvor dem anderen bestanden haben. Im An-fänge hatte man eben in Delphi wie in anderenStädten das so bequeme Sibyllenorakel über-nommen, das nur, wie sich bei der Besprechungdes Kultes heausstellen wird, den großenNachteil hatte, daß es sich bald abnutzte.Da fand man denn zu geeigneter Zeit den Erd-spalt mit den wunderkräftigen Dämpfen, diedie Inspiration in jedem einzelnen Falle er-möglichten. So wurde die Pythia die Nach-folgerin der Sibylla , sei es nun, daß sie direktderen Erbschaft übernahm, sei es, daß sie un-abhängig von ihr zu ihrer Bedeutung kam.Nach Diodor (4, 66, 7) wurde Daphne, desTeiresias Tochter, die Priesterin des Apolloin Delphi gewesen sein soll, auch Sibylle ge-nannt. Vielleicht liegt darin eine Erinnerungan den alten Zusammenhang der beiden Sehe-rinnen verborgen. Vgl. auch des Suidas thes-sal. Sibylle. Außer der Sage, die Sibylla seinach Delphi zugewandert, die sich auch inden bei Clemens erhaltenen Versen ausspricht,gab es noch eine delphische Lokalsage ( Plut.a. a. 0.). Da Varro nur selbständige Sibyllenanfühi-t, bo muß sein Gewährsmann für diedelphische Seherin, Chrysipp , dieselbe als Ein-geborene angesehen haben, was jene Lokal-sage voraussetzt. Nach dieser ist die delphi-sche Sibylle die erste gewesen. Sie ist vomHelikon gekommen, wo sie von den Musen er-zogen worden ist. Es werden Verse von ihrerwähnt, in denen sie verkündet, nach ihremTode werde ihr Antlitz im Monde zu sehensein, und auch dann werde sie nicht aufhören,Orakel zu geben. Noch zur Zeit des Pausanias(a. a. 0.) wurde von den Fremdenführern derFelsen gezeigt, auf dem sie geweissagt habensoll. Diese Tatsache und das Vorhandenseinjener sibyllinischen Verse, mit denen ja dieDelphier durch die Fiktion ihrer eigenen Si-bylle als Rivalen von Erythrae auftraten,werden am besten durch die Annahme einesdelphischen Sibyllenkultes erklärt. In derspäteren Zeit war die Erinnerung daran, wiees scheint, geschwunden. Das darf' uns nicht!wundern, denn einesteils hat jener Kult wahr-scheinlich schon in sehr früher Zeit aufgehörtzu bestehen, andernteils mußte die außer-ordentliche Blüte des Pythiadienstes das An-denken an jenen notwendigerweise verdrängen.
Identisch mit der delphischen Sibylle istoffenbar die thessalische, soweit sie nicht einerVerwechslung ihr Dasein verdankt, wie diedes Suidas (Alexandre S. 42).
4. Bekannter geworden als die letztgenannte (Seherin ist die cumanische, und zwar haupt-sächlich wohl deshalb, weil die römische Sageden Stammvater der Römer mit ihr in Ver-bindung brachte. Nach Pseudo-Aristoteles (demirab. 1158) ist sie identisch mit der erythrae-ischen, was insofern richtig ist, als die cuma-nischen Sprüche wahrscheinlich aus Erythraestammen (vgl. Mart. Capelia a. a. 0.). Als
ihr Name wird von Varro Amalthea, Demo-phile oder Herophile angeführt, bei Pseudo-Aristoteles Melanchraina. Wie in Delphi , somachte auch der cumanische Lokalpatriotis-mus die Sibylle zu einer Eingeborenen, na-mens Demo. Sie soll in einer Felsenhöhle ge-wohnt haben und im Tempel des Apollo be-graben sein (Paus. a. a. 0.). Ihre Orakel hatsie nach Varro auf Palmblätter geschriebeni (Servius zur Aen. 3, 441 ff.). Das kann ent-weder reine Sage sein, oder später wurdendie Sprüche in der Tat auf derartiges Mate-rial geschrieben, um den Anschein höherenAlters zu erwecken. Die Seherin hatte inErythrae von Apollo so viel Lebensjahrebewilligt bekommen, wie sie Sandkörner inder Hand hielt, unter der Bedingung, daß sieErythrae niemals wiedersähe. Deshalb warsie nach Cumae gewandert. Als ihr späteri einmal die Erythraeer einen mit einem Kreide-siegel versehenen Brief schickten, brachte ihrdieser Anblick erythraeischen Bodens den Tod(Servius zur Aen. 6, 321). Paus. (a. a. 0.)feilt mit, daß zu seiner Zeit in Cumae keinesibyllinischen Schriften mehr vorhanden waren.Daraus geht hervor, daß das Orakel damalsnicht mehr im Betriebe war. Der Grund liegtvielleicht darin, daß die vorhandenen Sprüchenach Rom gekommen sind, als nach demBrande des Jupitertempels im Jahre 83, wo-bei die römischen Sprüche vernichtet wurden,an allen sibyllinischen Orakelstätten Sprüchefür Rom gesammelt wurden. Mit der Nachrichtdes Pausanias steht nicht, wie Maaß (S. 11)annimmt, in Widerspruch die des Pseudojustin(cohort. ad Graecos 35 E; nach 1Iraeseke,Zeitschr. f. Kirchengesch. 7, 257 ff. und Neu-mann, Theol. Literaturz. 1882, 25 ist der Ver-fasser der Laodicener Apollmarius). Als Grundfür die agstgia mancher Sprüche führen hierdie Fremdenführer in Cumae die mangelhafteBildung der Orakelverfertiger an (vgl. Diels,Sibyll. Blätter S. 57).
Die Sibylle von Cumae war es, die unterder Regierung des Tarquinius Superbus nachRom gewandert sein soll; s. Varro a. a. 0. Be-kannt ist die Sage, daß sie neun Bücher Sprüchemitbrachte, die sie bis auf drei verbrannte, alsTarquinius den Preis dafür zu hoch fand. Dieletzten drei kaufte der König an und ließsie im Jupitertempel aufbewahren. Als dieSeherin ihre Mission ausgeführt hatte, war sieplötzlich verschwunden. (Dionysius Halicarn.Antiqu. 4, 62.)
Näheres über die Varianten dieser Sage— für Tarquinius Superbus z. B. wird teilweiseT. Priscus genannt — bei Alexandre, OraculaSib. 2, S. 194 ff. Inbetreff der Neunzahl derBücher vgl. Boscher, Die Sieben- und Neunzahlim Kultus u. Mythus S. 56.
Ein wesentlicher Unterschied von den an-deren Wandersagen der Sibylle liegt darin,daß sie nach Rom gleich die fertigen Sprüchemitbringt, nicht erst an Ort und Stelle weis-sagt. Die Erklärung dafür bietet die Ver-schiedenheit der Sprache, wie schon oben er-wähnt wurde. Das ist natürlich auch derGrund, daß die Römer sich keine eigene Si-