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Vierter Band. Qu - S.
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Sibylla (in d. spät. Zeit)

nannt worden und sei die Tochter des Priamusgewesen. Dann werden ihre wunderbarenReisen erwähnt, worin sich offenbar eine Er-innerung an die Wanderungen der griechischenSibylla zeigt. Sie wird nach Rom gerufen,wo 100 Senatoren in einer Nacht einen ganzgleichen Traum gehabt haben: sie haben 9untereinander verschiedene Sonnen erblickt.Diese deutet die Sibylle als 9 Zeitalter. Näheresdarüber Sackur, S. 137 ff.; vgl. Roscher a. a. 0. Im

4. werde Christus geboren werden, im 9. werdendie bedeutenden mittelalterlichen Regentenbis auf Heinrich VI. aufgeführt, als letzter wirdein großer Friedenskaiser verheißen. Dieserwird beim Eintritt der Herrschaft des Anti-christ nach Jerusalem gehen und dort seineKrone am Kreuze Christi niederlegen. DieseHerrscherliste ist im Laufe der Zeit mehrmalserweitert worden, damit sie mit den geschicht-lichen Ereignissen übereinstimmte. Vgl. darüberSackur , S. 155ff. Die beste Rezension desTextes findet sich bei demselben, s. S. 177ff.

Daß diese Orakel von den jüdisch-christ-lichen Sibyllinen abhängig sind, zeigt sichunter anderem darin, daß in beiden die Herr-scher nur mit den Anfangsbuchstaben ihrerNamen bezeichnet werden, offenbar, um derSache etwas Geheimnisvolles zu geben.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen bei-den besteht darin, daß sich die tiburtinischeSibylle der lateinischen Sprache bedient.Dazu war Abulnea, die Seherin von Tibur,vollständig berechtigt, da sie als echt römischeProphetin nicht zu den Sibyllen im eigent-lichen Sinne des Wortes zu rechnen ist. Auchin den phantastischen Prophezeiungen desPseudomethodius, deren ursprünglichgriechischer Text verstümmelt in griech. Hand-schriften, ferner in zahlreichen lateinischenund endlich auch in deutscher Übertragungerhalten ist, findet Kampers (Die deutsche Kaiser -idee in Prophetie und Sage, S. 19 ff.) einensibyllinischen Kern, insofern mit Recht, alsdiese im 7. Jahrh. entstandenen Weissagungenohne das Vorbild der Sibyllinen schwerlichzustande gekommen wären. Sorgfältige Ein-leitung und Text bei Sackur a. a. 0. S. 196.

Dasselbe gilt von der Schrift des AbtesAdso über den Antichrist. Sackur, a. a. 0.

5. 97113. Über andere Sibyllenweissagungen ider folgenden Zeit vgl. Kampers a. a. 0. S. 43u. 49 ff.

Ein Zwischenglied zwischen den auch inGottfried v. Viterhos Pantheon (Abschnitt X)erhaltenen tiburtinischen Weissagungen undden erhaltenen deutschen Sprüchen findet Vogt(a. a. 0. S. 84) in den lateinischen Prophe-zeiungen, die in einer Donaueschinger Hand-schrift erhalten sind. Hier ist an Stelle dertiburtinischen Sibylle die Königin von Sabagetreten, die als Sibylle bezeichnet wird, wiedas schon früher (z. B. von Glycas und Cedrenus )geschehen war. Sie unterhält sich in Jerusalem mit König Salomo, kommt dann nach Rom undweissagt hier. Ihre Prophezeiungen führendie früheren bis auf die Kämpfe zwischenLudwig dem Bayer und Friedrich von Ostreichfort.

Sibylla (in d. spät. Zeit)

Diese Weissagungen scheint der Verfasserder deutschen Sibyllinen vor Augen gehabtzu haben, denn auch er führt die SeherinSibylla nach Jerusalem zu König Salomo.Merkwürdigerweise ist in diesen letzten Aus-läufern sihyllinischer Orakel Sibylla in ganzähnlicher Weise als Eigenname gebraucht, wiees bei den ältesten griechischen Schriftstellernder Fall ist. Diese deutschen Weissagungenmüssen weit verbreitet gewesen sein, denn siesind uns in einer großen Anzahl von Hand-schriften Vogt (S. 50 ff.) zählt 18 auf er-halten.

In der Einleitung wird erzählt, wie sichder kranke Adam kurz vor seinem Ende zuseiner Heilung einen Apfel aus dem Paradieseholen läßt. Als der Sohn mit einem Zweigedes verhängnisvollen Baumes zurückkehrt,findet er seinen Vater bereits gestorben. Erpflanzt den Zweig auf Adams Grab. Den Baum,der daraus entstanden ist, läßt Salomo späterfällen, um ihn beim Tempelbau zu verwenden.Da sich der Stamm jedoch nirgends einfügenläßt, wird er als Steg über einen Bach gelegt.

Sibylla kommt nach Jerusalem , sieht denStamm und weiß als Seherin voraus, daß erdereinst zum Kreuze Christi benutzt werdenwird. Sie scheut sich deshalb, darüber zugehen, watet vielmehr durch das Wasser. ZurBelohnung dafür wird der Gänsefuß, der sieverunziert, von ihr genommen. Dieser Zugfindet sich sonst nirgends. Es scheinen hierverschiedene Sagen verschmolzen zu sein: dieorientalische von der Königin von Saba, Balkismit Namen, die im Verdacht steht, Eselsfüßezu haben, und einheimische, aus denen für dieden Deutschen unverständlichen Eselsfüße derGänsefuß der Meerjungfrauen eingetreten ist(Vogt a. a. 0. S. 93).

Auf Salomos Frage nach der Bedeutungdes Stammes weissagt Sibylla den OpfertodChristi und im Anschluß daran die Ereignisseder deutschen Kaisergeschichte bis auf Karl IV .Dann wird die Wiederkehr Kaiser Friedrichs II.und als Abschluß das jüngste Gericht prophe-zeit. Auch hier sind die einzelnen Kaiser durchdie Anfangsbuchstaben ihrer Namen gekenn-zeichnet.

Da diese Orakel, wie gesagt, außerordent-lich verbreitet waren, so erklärt es sich, daßdie Sibylle eine allgemein bekannte Figurwar. So konnten auch die Worte des altenKirchenliedes dies irae, dies illa solvet saeclumin favilla teste David cum Sibylla und dieErwähnungen der Sibylle bei Spruchdichternwie Sigeher und Heinrich von Meißen (VogtS. 97 ff.) auf weiteres Verständnis rechnen.

Die Sibyllen in der Kunst. Schon derAltmeister der italienischen Kunst Giotto hatsie zusammen mit alttestamentlichen Prophetenam Kampanile in Florenz verewigt, in der-selben Stadt Ghiberti in gleicher Gesellschaftan den Bronzetüren des Baptisteriums, in LoretoGuglielmo della Porta an der Casa santa.Am Genter Altar der Gebrüder van Eyck sehenwir die erythräische und kumanische Sibylle.Berühmter ist die Darstellung der kumanischen,persischen, phrygischen und tiburtinischen Si-