1357 Sphinx (stilist. : Befliigelung etc.)
konnte von ihrer Umgebung und der Entwick-lung des künstlerischen Stiles. Der zur ägyp-tischen Königstracht gehörige Bart (s. obenAlld, DYII, Gla 13, HIb) verschwindet außer-halb der orientalischen Sphäre und pflegt imWesten nur ausnahmsweise beigegeben zu wer-den (s. oben Sp. 1353, 6); ebenso verhält es sichmit anderen Zeichen der Männlichkeit. S. denphrygischen Sphinx bei Ramsay, Journ, of Hell,stud. 5, 243; die beiden mit männlichem Ge-schlechtsteil auf dem Berliner Relief (Invent.nr. 1614) aus Milet (Kekule,Griech.Skulpt. 2 S.bi)·,die beiden auf der Neapler Hydria bei Bumm-ler, Rom . Mitl. 3, 1888, S. 174f.; den auf derPariser Oinochoe Cat. des med. nr. 4871, deRidder, Cat. d. vas. peints 1 S. 86; den einenauf der von Bummler, Rom . Mitt. 2, 182 be-sprochenen Amphora nr. 3 Taf. 8. Es wird sichdabei z. T. um Reminiszenz handeln, doch ge-wiß auch die Bedeutung zu berücksichtigensein, die der Sphinx als Seelenwesen zukommt,indem der Bart die männliche Totenseele kenn-zeichnen sollte (Beispiele bärtiger Sphinxe beiBoehlau, Aus ionisch, u. ital . Nekrop. S. 100Fig. 51, S. 101 ff.; de Ridder, Cat. d. vas. peintsde la bibl. nat. S. 35 f. 38 f.; auch die Sphinx-gestalt mit Yogelschwanz auf der von Karo,Strena Helbig. S. 148f. besprochenen Münchner Kleeblattkanne 948 ist bärtig; vgl. unt. Sp.1407,9). Obwohl der Typus bereits, ehe er nach Grie-chenland gebracht wurde, in vormykenischerZeit, weiblich geworden war, kommen doch dieBrüste nicht immer zur Darstellung. In derRegel finden sie sich allerdings in Lykien , oftwerden sie von der späteren griechischen Kunstzum Ausdruck gebracht und pflegen in römi-scher Zeit nicht zu fehlen, wo dann vereinzeltsogar der ganze Oberkörper samt den Armenmenschlich gebildet wird (so auf dem, die Szenemit Oidipus darstellenden, Wandgemälde ausdem Grabe dcrNasonen, Overbeck , HeroengallerieTaf. 2, 5 S. 54). Tierische Zitzen kpmmen schonauf asiatisierenden Denkmälern Ägyptens vor(Perrot et Chipiez 3, 130 Fig. 74; vgl. obenG Vb 2). Sie sind nicht ohne Beispiel in der grie-chischen Blütezeit, der ein Terrakottarelief vonTenos entstammt (Overbeck a. a. 0. Taf. 1, 5S. 17 f.), sowie das Original der beiden Exem-plare am Eingang der Bibliothek in Mantua (mit6 Zitzen; s. Furtwängler, Münch. Jahrb. d. bild. :Kunst Bd. 1, 1906, S. 8 Abb. 11), häufiger in derspäteren, wie auf einer Reliefvase in Berlin (Over-beck a. a. 0. Taf. 3, 1 S. 51 f.; s. auch z. B. dieSphinxe auf dem Panzer des Augustus vonPrimaporta, Monum. dell’ Inst. 7, 84, das ägyp-tische Wandgemälde in Philae aus der Zeitdes Kaisers Claudius bei Lepsius, Benkm. 4Abt. 4, 77, die beiden schönen Sphinxe aufeinem Meleagersarkophag aus der Mitte des
2. Jahrh. bei Robert, Bie ant. Sarkophagreliefs t
3, 2 Taf. 91 nr. 277ab; vgl. unt. Sp. 1399, 59),und besonders üblich auf Gemmen (Overbecka. a. 0. Taf. 1 nr. 7. 8. 10 [die letztgenannte nachFurtwängler modern]; Imhoof-Blumer u. Keller,Tier- und Pflanzenbild. Taf. 26 nr. 36. 37. 38).Hermaphroditisch gebildet sind die Sphinxeder beiden etruskischen Aschenkisten bei Over-beck, Heroengallerie S. 57f. (nr. 69. 7f Taf. 2, 8).
Sphinx (stilist. : Befliigelung etc.) 1358
Zu den aufgezählten Kennzeichen des Ge-schlechtes gehört endlich die Haartracht.Hier folgt die Sphinx der Griechen gewöhnlichder jeweilig auch bei anderen weiblichen Wesenoder an beiden Geschlechtern hervortretendenStilisierung und Mode und erscheint nur seltenfremdartig, z. B. syrisch mit Spirallocke odermit Federhaarbildung (s. Fig. 17), frisiert. DasHaar fällt bald in Strähnen oder Zöpfen, bald3 schlicht herab; sofern anderer Kopfschmuckfehlt, ist es auch zum Knoten aufgebunden usw.Statt der langen Flechten der älteren Zeit zeigtauch die Sphinx etwa seit dem 7. Jahrh. (nichtin Ionien ) die von den Phönikiern übernommenehorizontal geriefelte 'Etagenperücke’, die im6. Jahrh. allmählich von dem im Nacken zu-sammengebundenen Schopf oder von einer per-lenartig gegliederten Frisur abgelöst wird (Bei-spiele hei Poulsen Kap. 11).
) Noch charakteristischer als die Frisur ist dieBefliigelung. Während sie in Ägypten eineAusnahme bildet (s. ob. DY, GlVab), ist siein Griechenland seit ältester Zeit die Regel, umdas Fabelwesen, wie andere, in eine höhereSphäre zu erheben (vgl. Furtwängler, Bie ant.Gemmen 3, 72). Daß schon die mykenischen Exemplare (auch kretische von Knossos ) dieseEigenschaft zeigen, ist ein Zeichen dafür, daßdie Sphinx nicht aus Ägypten in jenen Kultur-kreis eingedrungen ist. Dennoch hat die Formder Flügel ihren Ursprung im Nillande. ImGegensatz zur Natur ist sie bei den ägyptischenFlügelgestalten und geflügelten Emblemen inder Weise stilisiert worden, daß der obere Um-riß eine Gerade oder eine konkave Bogenliniebildet und in eine Spitze ausläuft. Dieses Musterwar vielfach im Osten maßgebend (das gerad-linige Schema ist z. B. am Burgtor von Send-schirli verwendet [Ausgrab. inSendj. 1,11 Fig. 3];vgl. die kyprischen Zylinder bei Menant, Glypt.Orient. 2, 244 Fig. 240; Lajard, Gülte de Mithra54 A 3); namentlich von den Phönikiern ist esaufgenommen und mit einigen Modifikationenweithin verbreitet worden, so daß es auch inder griechischen Kunst noch lange fortwirkt(vgl. E. Knoll, Stud. z. ält. Kunst in Griechen-land, Progr. v. Bamberg 1890 S. 47 ff.; Perrot,Hist, de l’art 9, 9 f.). Die mykenischen Sphinxe,deren langgestreckte Schwingen auch durchihre Größe mitunter an die ägyptische Formerinnern, zeigen ebenfalls an einigen Beispielendie gerade Linie des oberen Flügelumrisses.Eigentümlich ist ihnen mehrfach die Stilisierungder Federn in Form eines Fächers, zwischendessen Rippen Zickzacklinien laufen. Wir sehenspäter das gar nicht oder wenig aufgebogeneSchema auf den Bronzen der kretischen Zeus-grotte, auf den kyprischen Schalen und an-deren phönikischen Ärbeiten, wie sie in Italien gefunden worden sind (s. u. a. die silberne Cistaaus Praeneste, Monum. dell’ Inst. 8, 26, woraufschreitende oder sitzende Sphinxe mit ande-ren Tieren; über die phönikisch-griechischenSphinxe mit großen, geraden Flügeln auf einerTridacnamuschel des Brit. Mus. aus Etruriens. Poulsen S. 73), auf einem von Poulsen Abb. 197veröffentlichten kretischen Pithosfragment (Fig.16) ferner auf archaischen Yasen der östlichen