1371 Sphinx (Bildwerke z. griech. Sage)
Die große Masse der auf die Oidipussagebezüglichen Sphinxdarstellungen führt uns, wiegesagt, nicht das tötende Monstrum, sonderndie Rätseljungfrau vor. Mit Vorliebe wurdedas Motiv von der Vasenmalerei, insbesondereder rotfigurigen, verwendet. Man kann sichvorstellen, warum. Es war eine der beliebtestenUnterhaltungen beim fröhlichen Trinkgelage,seinen Scharfsinn in Rätselspielen zu bewähren,Preise und Strafen wurden dabei ausgesetzt.So sah man denn auch gern auf den Amphorenund Mischkrügen, den Bechern und Schalen die.Rätselheldin samt ihrem Meister und andererUmgebung; man mochte dann mitunter bei demNamen AJpiyl an das harmlosere Unstrickendes Gegners denken, das sich in ygirpog aus-gedrückt findet, und erklärte sich wohl mit volks-tümlicher Etymologie den klugen OiSmoärig,den man auf der Trinkschale bezeichnet fand,als den Mann, der um den 'Fuß’ Bescheid'weiß’. Ein feiner, durchdringender Verstandspricht auf der Mehrzahl dieser Bildwerke ausden Zügen der Wundergestalt; ihr Ausdruck,der in den Entführungsszenen aus dem Furcht-baren ins Schwermütige vergeistigt erscheint,ist hier, der Situation entsprechend, nach derintellektuellen Seite abgemildert; fest blicktsie dem Gegner ins Auge und senkt nur inwenigen Fällen, wie betroffen, den Blick.
Für die Darstellung der Sphinx als Rätsel-jungfrau kommen außer einer stattlichen An-zahl schwarz- und besonders rotfiguriger Vaseneine Reihe von Gemmen in Betracht, sowie zurErgänzung einige Monumente etruskischen undrömischen Ursprungs, namentlich Reliefs vonsepulkraler Bestimmung. Selten sitzt die Sphinxvor Oidipus auf ebener Erde, wie auf einemaltertümlichen schwarzfigurigen Vasenbild, dasStackeiberg bekannt gemacht hat, einer rot-figurigen Vase in Neapel , sowie auf einer sehreigenartigen etruskischen Spiegelzeichnung (nr. 3bis 5 Art. Oidipus). Die übliche Auffassungläßt sie erhöht auf einem Felsen oder einerarchitektonischen Basis hocken, mitunter auchstehen, so daß sie, mit wenigen Ausnahmen,der Höhe der Mannsgestalt gleichkommt odersie überragt. Die Basis besteht oft in einerlängeren oder kürzeren ionischen Säule mitAbacus. In einer Reihe von Beispielen ist dieSäule dorisch (so auf der von Overbeclt unternr. 33 angeführten Münchener Vase 352, Berlin 2028, Neapel 3131, Annali dell’ Inst. 1867 tav.d’agg. J), mehrmals nicht kanneliert (z. B. aufder Münchener Amphora 249, Bull. Napolet.4 (1846) Taf. 5 und auf einer merkwürdigenrf. Darstellung der Sammlung Judica in Pa-lazzolo bei Syrakus , wo die Sphinx, abgesehenvon Vorder- und Hinterfüßen, Flügeln undSchwanz fast ganz weibliche Formen hat), auchso niedrig, daß sie mehr einem Tisch ähneltoder ihre Form nur angedeutet ist (Athen , Poly-techn. 767. 777); der Sitz als Blume stilisiertauf der unteritalischen Amphora Neapel 3254(.Annali dell’ Inst. 1871 tav. d’agg. M). Ge-legentlich ist ein Altar oder Würfel gewählt(Catal. of the Greek and Etr. vases in the Brit.Mus. 2, 1893, B 539; Overbeck nr. 34); ein Pfeilerauf der karikierten Darstellung einer attischen
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Kanne des 5. Jahrh. in Berlin ( Archäol. Ans.1891 S. 119). Ein äußerer und ein innererGrund scheint mir für die architektonische Sti-lisierung dieser Basen vorzuliegen. Wenn sichein Künstler nach Vorbildern für seine Sphinxumsah, so fand er sie auf zahlreichen, seit alterZeit sphinxgeschmückten Grabmälern. Er über-nahm von dort für sein Vasenbild zugleich mitder Fabelgestalt die Architektur und tat diesum so lieber, weil er damit die tödliche Machtdes Ungeheuers, wenn nicht gar die verhäng-nisvollen Folgen der Rätsellösung, andeutenkonnte. Je mehr man später die Wiedergabedes Landschaftlichen liebt und zu beherrschengelernt hat, desto häufiger und natürlicherwerden die Darstellungen des dLiuov ogog inden Rätselszenen, während die Sphinx auf demSäulenkapitell in der dekorativen Kunst ihr Da-sein fortsetzt.
Fragen wir nun nach dem Moment, den dieKünstler zu fixieren unternommen haben, so istdie Auffassung in den meisten Fällen die, daßOidipus allein der Sphinx gegenübersteht, auchvor ihr sitzt, oder daß er von einem Gefährtenbegleitet wird, sei es daß dieser neben demHelden sich befindet oder auf der andern Seiteder Sphinx ein Gegenstück zu ihm bildet. Oidi-pus trägt gewöhnlich ein mehr oder wenigervollständiges Reisekostüm, bestehend aus Man-tel, Reisehut, Stiefeln, Schwert, zwei Lanzen,wie z. B. auch der junge Theseus auf Vasen-bildern; trifft er ja auch nach Sophokles dieSphinx ahnungslos auf seinerWanderung, ohnevorher Theben berührt zu haben. Seine Hal-tung pflegt ruhig und siegesgewiß zu sein; mit-unter stützt er sich nachdenklich auf seinenWanderstab, in anderen Darstellungen erhebter einen oder beide Arme in eindringlichemRedegestus, auch spreizt er die Lösung verkün-dend drei Finger auf einer von Michaelis heraus-gegebenen Amphora späteren Stils (Annali dell’Inst. 1871 tav. d’agg. M, Neapel nr. 3254). Ichmöchte nicht annehmen, wie Michaelis a. a. 0.187, 45, die drei gespreizten Finger bezeich-neten nur ’Vatto del favellare ’ und ebenso-wenig die Übereinstimmung der Stellung desauf seinen Stab sich Stützenden mit den gleich-zeitig von ihm gesprochenen Worten der Lö-sung: yriQaltog S's rtiltav tqlxcizov n 6Sa ßdy.tgovigeiäsi, für bloßen Zufall halten. Dieses Vasen-bild ist deshalb von besonderem Interesse, weildarauf als Pendant zu Oidipus kein Gefährte,sondern die Erinys dargestellt ist, die alsRächerin sich an seine Sohlen heftet wie demMuttermörder Orestes (vgl. den Art. OidipusBd. 3 Sp. 725fi). Wir wissen, daß die Vasen-gemälde keineswegs Illustrationen der durchdie Dichtung ausgebildeten Heldensage sind,sondern ihre eigene Entwicklung nach besonrderen Gesetzen gehabt haben. Wenn einer dervon Luckenbach durch Vergleichung von Bildund Lied aufgestellten Grundsätze besagt, daßin der archaischen Periode mitunter 'Personenohne jegliche Bedeutung’ hinzugefügt werden( Verhältn. der griech. Vasenb. zu den Gedichtendes ep. Kyklos, Heue Jahrb. Suppl. 11 S. 636nr. 9; vgl. A. Schneider, Prolegom. zu einerneuen Gail. her. Bildw. S. 47), so finde ich diese
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