1375 Sphinx (Deutungen cl. Sage)
wegen ihrer .Raubsucht, mit Adlerfliigeln, weilsie mit ihrem Trupp ein weites Gelände un-sicher machte. Durch Verrat tötete sie Oidi-pus als scheinbarer Genosse (vgl. Cedren. p. 45Sk.), brachte ihren Leichnam auf einem Eselnach Theben und stellte ihn dort zur Schau.— Ausführlicher war die Version des Palai-phatos (de incredib. 7), der den Rationalismusauch auf das Rätsel ausdehnte. Nachdem er dielandläufige Sagenform vorausgeschickt, derenUnglaubwürdigkeit und Albernheit ( άπιστον ,άδννατον, παιδαριώδες, μάταιον) er nicht genugverspotten kann, verkündet er nunmehr 'dieWahrheit’. Kadmos habe eine Amazone,namens Sphinx, zur Frau gehabt, als er nachTheben kam und sich dort niederließ. Als eraber die Harmonia heiratete, heißt es weiter,sammelte Sphinx aus Eifersucht eine ScharKadmeer und zog mit ihnen auf den Sphinx-berg, um von da den Kadmos zu bekriegen.'Rätsel’ bedeute auf thebanisch einen 'Hinter-halt’ (καλοϋβι bi oi Θηβαίοι την ένέδραν αίνιγμα-,vgl. Eustath. ad Odyss. ξ p. 1769, 9. Nach Pa-laiphatos wird diese ganze platte Ausdeutungder Sage u. a. auch von Joannes Antiochenos,F. H. G. 4, 539 fr. 12, vgl. fr. 8 und Eustath.ad Odyss. λ 273 p. 1684 wiedergegeben), derSphinx hinterlistige Überfälle hätten durchMißverständnis die Sage von ihrem Rätsel ver-ursacht. Endlich, nach reichen Versprechungendes Kadmos, sei Sphinx von Oidipus , einemkorinthischen Manne, bei Nacht überwältigtworden. — Eine fernere Deutung ( Schol. Eur.Phoen. 45 auf die Schrift des Argivers Sokra-tes προς ΕΙδό&εον zurückgeführt, s. F. H. G.4, 499 fr. 13; ebenso Schol. Eur. Phoen. 1760)sah in der Sphinx eine Wahrsagerin (χρησ-μολόγος)· Sie gab dunkle Orakelsprüche undrichtete dadurch viele Thebaner, die sie falschauslegten und befolgten, zugrunde. Nach einerdurch Pausanias 9, 26, 3f. erhaltenen Sagen-form ist sie eines uralten delphischen Orakel-spruches kundig, dessen Lösung sie von ihremVater Laios erfahren hat.
Eine Art von Euhemerismus war es auch,wenn man in einer äthiopischen Affenartdie Spezies des Fabeltieres wiederzuerkennenglaubte. Nach des Agatharchides Schrift 'Überdas Rote Meer’ (woraus Diod. 3, 35, 4 und Phot.Bibi. cod. 250; s. Geogr. Gr. min. 1 , 159 M.)wurden derartige.. 'Sphinxe’ aus dem Troglo-dytenlande und Äthiopien gelegentlich nachAlexandrien zur Schaustellung gesendet. DerGeograph hatte dergleichen daselbst wohl miteigenen Augen gesehen. Er schildert sie als'nicht unähnlich den gemalten’, nur struppig,übrigens zahm und dressurfähig. Ausdrück-lich als Augenzeuge gibt sich Philostorgios, derdas Wesen in ähnlicher Weise beschreibt, zumTeil in Übereinstimmung mit Plinius (το biστερνόν αχρι γε αντοΰ τοΰ τράχηλου έ-ψίλωται,μαξονς δε γυναικος έχει ν.τλ., Philostorg . Hist,eccles. 3, 11 ρ. 41; Sphingas fusco pilo mammisin pectore geminis Aethiopia generat, Plin. Hist,natnr. 8, 30; vgl. Aelian . Hist, animal. 16, 15:σφίγγες, &νμάαοφα ξωα παρ’ ήμΐν). Daß mitdiesen Nachrichten über äthiopische Sphinxedie oben Sp. 1364, 41 erwähnte Bemerkung des
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gelehrten jüngeren Pisander zusammenhängt,das Untier stamme 'aus den äußersten GegendenÄthiopiens ’, ist nicht wahrscheinlich, da dessenNotiz auf eine sehr alte Quelle zurückweist.Weder Tümpels hierauf bezügliche Kombina-tionen noch diejenige von Maaß sind überzeu-gend: der erstere erblickte in Pisanders An-gabe ein Zeugnis für die Herleitung der Sphinxaus Lesbos (Jahrb. f. klass. Philol. Suppt 16,1888, S. 216), erklärte sich jedoch später viel-mehr für Megaris (Bert philol. Wochenschr. 1893nr. 18 Sp. 554); Maaß vermutet, Äthiopien sei mit dem euböisclien Αίϋ-οπία verwechseltworden (He Aeschyli Supplic. p. 23, GreifswalderIndex lect. für 1890/1).
Zu allegorischen Deutungen schien die Rätsel-figur besonders zu reizen. Tückische Bosheitwird dadurch verkörpert nach einem Hesiod -scholion zur Theogonie (326: ένταν&α bi τηνκρνψίνονν καί μερικήν κεκρνμμένην κακίαν λέγει).Der philosophisch angehauchte Verfasser desunter des Kebes Namen gehenden Schriftchens’Pinax ’ erblickt in der Sphinx ein Bild dermenschlichen Torheit (αφροσύνη), die jeden,der sie nicht zu erkennen vermag, zugrunderichtet. Das weibliche Antlitz deutet er aufSinnenlust, die Flügel auf flatternden Leicht-sinn, die Löwenfüße auf anmaßenden Hochmut;das Sphinxrätsel lösen heißt sich selbst erken-nen (Gebet. Tabul. 3; vgl. Hio Chrysost. orat.10, 31, 1 p. 115 Am.: ηκουαά του λεγοντος ότιή Σφΐγξ η άμα&ία έατίν). Ganz im Gegensatzerklärt Clemens Alexandrinus nach ägyptischenAnschauungen die Sphinx für ein Sinnbild derVereinigung von Stärke und Verstand (Strom.5, 7, 42; vgl. Synesius de provid. p. 101), wäh-rend Plutarch die dunkle, rätselhafte Weisheitder ägyptischen Theologie durch die zu denTempeln führenden Sphinxreihen angedeutetfindet (de Isid. et Osir. 9; ähnlich Giern. Alex.Strom. 5, 5, 31). ^ Dagegen Mariette, Voyagedans , la Haute-Egypte 2, 9: ... „Evidemment,les Egyptiens Font pas penses si loin u .
Die moderne Wissenschaft sah sich also durchdie Sphinxgestalt vor ein altes Rätsel gestellt,das sie auf mannigfache Weise zu lösen ver-suchte. Den allegorischen Deutungen des Alter-tums ließ sich z. Teil eine gewisse Berechti-gung nicht absprechen, denn die griechischeKunst hat ohne Zweifel die Sphinx häufig alsSinnbild des dahinraffenden Verderbens, späterauch als eolches der Weisheit gebraucht. Esist demnach leicht zu verstehen, daß sich dieErklärungen vornehmlich nach zwei Richtungenbewegten, indem einerseits die vernichtendeKraft des Ungeheuers, andererseits seine geistigeÜberlegenheit als Kernpunkt seines Wesens hin-gestellt wurde. Ganz im Banne der antikenÄllegorisierung befangen zeigte sich z. B. K.Bötticher, der in ihm 'ein uraltes Symbol desweise erwägenden, unsichtbar im menschlichenHaupte verborgenen Verstandes’ erblickte (Be-richte der Kgl. Sächs. Gesellsch. d. Wissensch. 6,1854, S. 53 ff.). Freilich konnte dieser Wegnicht auf den Ursprung der Landessage zu-rückführen; der ist nicht in abstrakten Be-griffen zu suchen. Die meisten Deutungenwollten deshalb vielmehr in dem Fabelgeschöpf
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