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Vierter Band. Qu - S.
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1377-1378
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1377 Sphinx (im griech. Volksglauben)

die Verkörperung einer Naturmacht erkennen,sei es, daß man es als Lichtwesen auffaßte,und zwar als allumspannenden Helios oderAether, als Symbol des lichtspendenden Ostens,Sonnenhöhe, Sonnenuntergang, als abnehmen-den Mond, als Sirius (s. die ausführliche Pole-mik gegen die Annahme einer 'siderischen Na-tur der Sphinx bei L. Stephani, Nimbus undStrahlenkranz S. 79ff.), oder es den Mächtender Unterwelt zurechnete ( Gerhard, Griech. My-thol. 1, 581). Für das Verderbliche seiner Na-tur wurde vorzugsweise ein Substrat gesucht.Breals Vorschlag, in der Sphinx die Regen-wolke zu erblicken, konnte natürlich nicht aufBeifall rechnen (Breal, Melanges de mythologieet de linguist. S. 163ff.). Vgl. z. B. (S. 175):Le nuage, prototype des monstres mythiques,fait entendre de sourds grondements qui sontregardes comme une voix prophetique ou commeun langage incomprehensible pour les hommes.Allzu schonungsvoll behandelt diese PhantasienGomparetti , Edipo e la mitologia comparata(Pisa 1867) S. 11 ff. Als Dämon des zusammen-ziehenden Winterfrostes faßte sie Forchhammer,(Kieler Allgem. Monatsschr. 1852, neubearb. indes Verf. Daduchos 1875 S. 84ff.). Hier feiertdie Symbolik Orgien. Vgl. S. 90:Bei Aeschy-lus (Sept. 509 ff.) hat nicht zufällig der jungeKämpfer aus dem hohen und kalten Arkadien ,vor dem nördlichen Tor, den Schild mit einerSphinx verziert. Auch nach B. Schroeter, BeSphinge Graecarum fabiilarum (Progr. v. Bo-gasen 1880) ist die Sphinx ein winterlicherDämon, der vom Frühlingshelden Oidipus be-siegt wird; als Würgengel der Pest, die ausdem erstickenden Miasma der böotischen Seenhervorbricht, deutete sie zuletzt 0 . Keller ( Tieredes Blass. Altert. S. 182 f.). Vgl. E. Braun,Griech. Götterl. S. 75f. und Schoemann, Opusc.2, 369:Erat . . . Sphinx ex . . . genere natu-ralium pestium quae terrae vaporibus existuntac proinde Typhaonis secundum quosdam filia,secundum Theogoniam neptis habita. SiderischeBeziehung auf die pestbringende Zeit, in derdie Sonne in den Sternbildern des Löwen undder Jungfrau steht, hält für erwägenswert nochGruppe, Griech. Myth., 1906, S. 799, 3.

§ 4. Die Sphinx im griechischen Volks-glauben.

Wir vermögen uns der Anschauung, unsermärchenhaftes Ungeheuer sei ursprünglich einNatursymbol gewesen, nicht anzuschließen, dazahlreiche Analogien auf einen ganz anderenAusgangspunkt seiner Entwicklung im Volks-bewußtsein hindeuten. Seitdem namentlichdurch Bohdes 'Psyche sowie durch die Unter-suchungen von Crusius über Keren und Sirenen,von G. Weicher über den Seelenvogel, uns Ge-spenster und Todesdämonen der griechischenVolkssage in ihrem Zusammenhang mit altemSeelenglauben deutlich vor Augen geführt wor-den sind, ist auch auf die Sphinx ein Licht-strahl gefallen. Die durch die Heldensage inder Dichtung zur Herrschaft gekommene böo-tische Sonderüberlieferung von der thebanischenSphinx darf nicht als der Kernpunkt angesehenwerden, aus dem allein eine Erklärung des

Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol. IV.

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Wesens und seiner Funktion abzuleiten wäre.Ebensowenig liegt ja dieser für die Harpyien,die seelenraffenden Windgeister, im Phineus-abenteuer der Argonautensage, ebensowenig fürdie Sirenen in der dichterischen Ausgestaltungder Odyssee. Wir müssen die böotische Fabel-gestalt vielmehr als Vertreterin einer gespen-stigen Gattung betrachten. Man wird auchanderwärts von einer Sphinx gefabelt haben,und die böotische 'Phix ist wohl nicht dashellenische Prototyp, sondern ein in beschränk-tem Kreise auf Grund allgemeiner Vorstellungenausgebildetes, greifbares Einzelwesen, durchdessen wachsende Bedeutung die Schar der ur-sprünglich ihm gleichstehenden Unholdinnenin das Dunkel gedrängt wurde. Sie wieder andas Licht zu ziehen hat freilich seine Schwierig-keiten. Andeutungen in den Schriftquellen,die das Fortleben der Anschauung zu verratenscheinen, daß die thebanische Sphinx nicht dieeinzige ihrer Art war, ermangeln der zwingen-den Beweiskraft; denn weder eine Notiz beiSaidas (s. v. Σφίγγας πράγματα παρέχων), wovon 'einer noch göttlicheren und viel weiserenSphinx als die kadmeische die Rede ist, kannmit Sicherheit auf alten Volksglauben bezogenwerden, noch gar ein so harmloses Komödien-fragment, worin ein mit homerischen Glossenum sich werfender Koch 'eine männliche Sphinxgenannt wird (Athen . 11, 382 b; 14, 659 b). Aus-beute für die Erkenntnis halbverrauschterNeben- und Unterströmungen der Sage ge-währen dagegen die Bildwerke. Außer dembereits erwähnten Typus des menschenraffen-den Ungeheuers, dem eine allgemeinere Bedeu-tung zugrunde zu liegen oder wenigstens mit-verliehen zu sein schien (s. oben Sp. 1369 f.),kommen solche Denkmäler in Betracht, denenjeder Zusammenhang mit der Oidipu3sage er-sichtlich fehlt. Man wird freilich dabei, be-sonders bei den Monumenten der archaischenund dekorativen Kunst, die Geschichte des Ty-pus nicht aus dem Auge verlieren dürfen undsich hüten müssen, daß man als Rest ursprüng-lichen Volksglaubens auffaßt, was vielmehr ausder Nachahmung orientalischer Muster zu er-klären ist. Indessen gibt es Sphinxbilder, beidenen diese Nachahmung fernliegt oder aus-geschlossen ist. Vielleicht durch ägyptischeMonumente angeregt, aber doch gewiß ausgriechischem Vorstellungskreise heraus zu er-klären ist die große, schreitende Flügelsphinxmit dem ihr gegenüberstehenden bärtigen Manneeines dem 6. Jahrh. angehörigen Stamnosfrag-ments aus dem Nildelta (Petrie, Tunis 2 T. 30,1;Bummler, Jahrb. d. arch. Inst. 1895 S. 44 Fig. 8).Der Vasenmaler, der einen Hermes mit Herold-stab zwischen zwei einander zugekehrten großenSphinxen schreitend darstellte (auf einem sfg.Krug (Olpe ) bei Lenormant et de Witte, Eliteceramogr. Taf. 77 S. 247; vgl. die Lekythos, aufder Hermes mit seinem Zauberstab die Kerenregiert; ob. unter'KerenBd. 3 Sp. 1149f.), wirdebenfalls schwerlich vom volkstümlichen Aber-glauben unbeeinflußt gewesen sein, indem ervon dem thebanischen Sagenkreise absah. Wennauf zwei verwandten, an gleichem Ort (Somma-villa) gefundenen Kratern die Rückseite einmal

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