Band 
[Erster Band. - Zweiter Band.]
Seite
61
JPEG-Download
 

61

Lächeln ist gar häufig nichts mehr als Schmeichelei, anscheinendeTheilnahme, geheuchelte Empfindung, Lug und Trug, wie mancheTraucrgesichter in Trauerkntschen, oder die Thränen Alexanders undCäsars über Darius und Pompejus Leichnam, und die Worte KaiserFerdinands beim Anblick des blutigen Kollers Gustav Adolphs. DerAnstand verlangt Lächeln wie Weinen: der Adjunkt, der seines allzualt gewordenen Vorfahren Leiche folgt, muß wenigstens traurig scheinen,wie der Neffe am Grabe des reichen Oheims und die junge Wittwebeim Hintritt ihres lieben Alten; denken dürfen sie immer: 8it äivns,ckummoäo NVII vivns. i Hamlet meinte: „Ons ina^ smils and smils,and bs a villain/ ^ und der Schöpfer schreibt eine leserliche Hand.Nicht selten ist jedoch Lächeln auch eine Art Instinkt; ein freundlichheiteres Gesicht trägt sein Empfehlungsschreiben auf der Stirne —Alle, die sich malen lassen, sehen freundlich drein — das Kind lächeltdem Kinde entgegen, Mutter und Vater dem Kinde, der Liebhaber derGeliebten, der Freund dem Freunde, und Narcissns, der sich im Wassererblickt, lächelt sich selbst zu, wie Geck und Geckin, wenn sie in denSpiegel gucken. Fast alle Bildnisse der Gelehrten vor der allgemeinendeutschen Bibliothek haben etwas Lächelndes. Was ist das? ImGanzen verschönert Lächeln, Lachen aber vcrhäßlicht; ja es gibt Ge-sichter, von Gott in seinem Zorn geschaffen, die durch Lächeln nochhäßlicher werden. Alles, was von einem sanften Lächeln und Pianoder Stimme begleitet wird, ist ni-guinvntuni -cd liominoin. °

Das gewöhnliche Anlächeln (arridero) ist eine Art Compliment,das Niedere den Hähern bringen, und eine Art stillschweigender Appel-lation an die Rechte der Menschheit (nicht Freiheit und Gleichheit) mitdem vornehmen Bruder in Adam oder Christo, der niit dem Armenim ganzen Thierreichc das ausschließliche Monopol hat, gemeinschaft-lich zu lachen. Der Russe unterläßt nie, wenn er Salz und Brodreicht, dabei zulächeln, im Glauben, daß Lächeln ein Zauber sei gegenalles Gift; aber unsere Alten warnen: „Es sind nit alle Fründ, dieeinen anlachet." Leider bin ich auf viele solcher Freunde gestoßen, undwenn ich noch hinzunehmc, daß mich schon im fünfzehnten Jahre Do-minns Rektor, als ich von einer Trivialschule, deren Lehrer ich liebte,auf das Gymnasium kam, und im weiten Auditorio bei seinem Aufrufihm lächelnd entgegensprang, um zwei Kreuzer strafte: „Das schickt sich

1 Er sei -in Gott, Win» er nur nicht mehr leb!. — r Man kann lächeln und lächelnund dabei l>in Schuft sein.

2 Schlagender Beweis.