306
zu unterscheiden. Der Geschmack stärkt, mehrt und verfeinert den Sinnfür das Lächerliche, und es gibt allerdings einen eigenen komischenGeschmack. Komisch ist aber, daß man das Gefühl für das Gerechte,Gute und Schöne mit dem Wort Geschmack, dem thierischsten allerSinne, bezeichnet hat, das in die Küche gehörte, so komisch, als daßweite deutsche Länder die Blumen nicht riechen, sondern schmecken.Indessen trieben die Römer diesen Tropus noch weiter und leitetenvon »axor selbst sapiontia' ab.
Genie muß dem Geschmack vorangehen, der Ordnung und Ver-hältniß in die Masse der Naturkraft bringt. Der Orient war dasVaterland des Genies, aber Griechenland die Schule des Geschmacks;Genies erzeugen Geschmack in einer Nation, und die beste Schule istdas Leben und Humanität im Leben. Die Compendien und Vorle-sungen der Geschmückter, die am meisten von Geschmack zu sprechenpflegen, haben oft gerade am wenigsten; ein Akademiker oder Aesthc-tiker erhitzt sich schon beimWort Geschmack, wie die alten Theologenbeim Wort Gnade. H gravs war in Frankreich so heilig, daß mannicht la graoo der Wissenschaft oder Sprache zu sagen wagte, sondern!oi> graves sagte, wobei man an die Grazien denken konnte. Dierechten Geschmückter vergessen gerade am meisten die Hausgcnossin undbeste Freundin des Geschmacks — die Natur; es fehlt an der Zunge,und die Battcux, Sulzer, Eberhard rc. haben auch manchmal eine be-legte Zunge, wenigstens keine Normalzunge.
Geschmack ist Anfangs reine Natur oder Wiederhat! des Eindrucks,den das Gemüth von außen empfangen und weiter gebildet hatte, unddarum dichteten die Homere und Ossianc und alle Alten so gut; wiraber, die wir an den Krücken kriechen, die wir aus jenen Bäumenschnitzten, dichten nach Regeln, messen die Kunst nach dem Geschmackund diesen wieder nach jener und werden in diesem ästhetischen Kreisedämlich. Es gibt Leute, die stolzer auf Geschmack, als auf Geniesind. Geschmack ist bon ton, und bon ton wollen gar nur Leute in denhöheru Sphären haben, und suchen ihn wohl gar, wie Friedrich (waszu seiner Zeit noch verzeihlich war), nur bei Franzosen, die sich nochheute L I» Voltaire vorzugsweise Geschmack zuschreiben, wie mancheDame, auf deren Toilette man nur französische Büchclchen findet.
Es ist schade, daß das andere Geschlecht sich so selten aus dermittlern Region des Helldunkels zur Höhe des vollen Lichts erhebt;es wurde natürlich sein, wie bei den Alten. Die Grazien sind die Son-
t Eelchmack — Weisheit.