96
schließen, und so auch bei Porta, Tischbein oder gar La Vater undPcrnetty, welche die Physiognomik gar wissenschaftlich begründenwollten. Was die alten Jmaginationsmänner in den Sternen lasen,wollten sie auf den Gesichtern lesen, wie Zigeuner, die aus denHänden weissagen, aber gerade am wenigsten daran glauben. Gottsei Dank, daß des Janus zwei Gesichter hinten und vorne nicht Modegeworden sind; man hat genug mit einem zu thun.
Indessen modeln sich die Gcsichtszüge nach unsern herrschenden Nei-gungen und täglichen Verrichtungen: die Pathognomik hat Sinn. Schöne,gute, sanfte Physiognomien scheinen nur öfter zu trügen als schlimmeoder Galgen- und Radphysiognomien, denen man so recht deutlich denZwang ansieht und die Furcht vor Strafe. Schöne, lächelnde Phy-siognomien der höheren Welt täuschen, wie der Tiger das Kind inder Fabel, und wer auf ein sogenanntes ehrliches Gesicht heutzutageborgt, mag zusehen. Musäus hielt den Schäfer Marcus für einenSchurken mit Widerspruch Aller, denn er sah dem berüchtigten Nüd-gerat ähnlich; er ging endlich mit zwölf Hämmcln fort, und darübervergaß er aus Freude den Verlust der zwölf Hämmcl, ärgerte sichaber nicht wenig, als der ehrliche Marcus wieder kam mit den zwölfHämmcln. Er schwärmte für eine Sophie in Engelsgcstalt, nahm sieins Hans, und sie war ein landläufcrischcr Nickel, der sich Plötzlichunsichtbar machte mit seinem Schatzkästlein. Unser guter Physiogno-mist hielt einst den Nachtwächter aus der Art, wie er seine Tabaks-pfeife hielt, für Klopstock, und Lavater, dem eine Reichsstadt dieBildnisse des Bürgermeisters und Raths zusandte, erklärte sie alle fürMalcficantengesichter. Beim Magnetismus und Somnambulismushabe ich doch schon manchmal an Mabillon gedacht, der ein crzdummcrJunge war; er stürzte auf den Kopf und ward Mabillon. Könnenalso nicht Dinge, die einen gut organisirtcn Kopf verwirren, einendesorganisirten, nervenschwachen und daher desto schwärmerischerenKopf oder Dummkopf, gleichviel, Dinge sehen lassen, die weit überden gemeinen Horizont hinausliegcn?
Es gehört gar viel dazu, im Aeußcrn des Menschen etwas mitSachbcstand zu lesen, so wie ein Naturhistoriker dazu gehört, die gutePetersilie von dem giftigen Schierling oder der Hundspctersilie zuunterscheiden; daher haben wir auch kein deutsches Wort für Physiogno-mik, weil deutsch und klar eins sind. Gcsichtskuude sagt zu wenig;denn jene ist eine Erfahrungsscelenkunde durch die ganze organischeSchöpfung; selbst Pferds- und Rindviehköpfe, wenn man sie aufmerk-