Band 
[Erster Band. - Zweiter Band.]
Seite
102
JPEG-Download
 

102

wollen ihr danken, daß sie die Physiognomik nicht an die Stelle derabgestellten Tortur gebracht hat — von der Polizei war in der EpocheNapoleons so etwas zn fürchten. Welche Verwirrungen und Betrüge-reien gäbe es nicht ohne Physiognomicverschiedenheit, nnd wie vielekomische Mißgriffe haben nicht schon Zwillinge veranlaßt? KlingersFanst sagt zwar: „Da, wo du es nicht ahnest, wo dn nicht hingrcifcndarfst, wovon dn keinen Schattenriß nehmen kannst, da sitzt es, Mannund Weib;" und die lavaterische Schwärmerepochc ist vorüber, aberdarum wollen wir das Silhouettiren nicht ganz aufgeben. Wir habenauch noch Künstler, die sogar aus freier Hand den Schattenriß machen,ein Talent, das jener Schweizer Maler im höchsten Grade besaß, der,von Voltaire abgewiesen, seine Silhouette vor der Thüre in den Schneepißte. In den wichtigsten Angelegenheiten wird am meisten silhouct-tirt, d. h. das Große ins Kleine gebracht und Dinge in Schatten nndins Schwarze, die man gerade recht an die Sonne stellen sollte; dieRevolution hat diese neueste Art zu silhouettiren zu verantworten, wieso viele Dinge.

Nun, Jeder behandelt sein Steckenpferd mit der ausgezeichnetstenWichtigkeit und sieht selbst, wenn er auf dem hölzernen Esel reitetoder gar einen Wolf sich holt, mitleidig lächelnd auf die Achsclzuckerherab; denn er sieht in denselben Vollkommenheiten, die kein anderesMeuscheuauge erblickt, und ist so glücklich, wie eine hysterische Nonne,welche Erscheinungen von Gott Vater, Sohn und Geist, von Marieund Joseph hat. Und darum mache, wer Ruhe und Friede liebt, jakein Steckenpferd scheu durch den Knall seiner Peitsche; ein Steckenpferd-reiter, den man gar aus dem Sattel heben will, wird der unversöhn-lichste Feind. Nie hingegen sind Menschen geselliger und gemüthlicher,als wenn sie sich auf einerlei Steckenpferd treffen; ein gemeinschaft-licher Spazierritt fesselt die fremdartigsten Gemüther mehr als Mora-lität und Vernunft, wie ein gemeinschaftlicher Name, einerlei Leib-speise oder Lcibtrunk rc.; selbst einerlei Schneider haben schon dasBand der Liebe stärker geknüpft, als Charaktcrähnlichkeit; folglich sindSteckenpferde die wohlthätigsten Erfindungen des geselligen Lebens,und daher sollten die Reiter doch Sorge tragen, daß sich ihr Kleppernicht bäumt, und noch weniger fragen, wie ich einst als Knabe meinenVater, da uns ein Flurschütze lärmend auf dem Wiesenpfade in den Wegtrat: „Papa, soll ich den Gaul nausschlagen lassen?" Man könnteimmer von den Knaben lernen, die endlich des Steckenpferdes müde,sich gewaltig groß dünken, wenn sie ein lebendiges Pferd zum ersten