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Naive steht dem Uebcrlegten gegenüber und kann daher auch ins Ver-ächtliche fallen, wie bei dem plötzlich reich gewordenen Bedienten, derbeim ersten Gebrauch seines eigenen prächtigen Wagens hinten auf-sprang, oder bei dem Schweinehirten, der sich König zu sein wünschte,und warum? — um seine Schweine zu Pferde hüten zu können.

Der künstlich gebildete Mensch ist dem naiven an Verstand undWetterführung überlegen, wie der Mann dem Knaben; ihm erscheintEinfalt als Einfältigkeit; der Naive aber steht wieder höher durch seinkindliches Gemüth, das anziehend ist. Wir fühlen dunkel, daß wiraus dem Stande der Unschuld hinausgestoßen sind in die Erbsündeder Welt, und Wehmuth erfüllt die Brust, wenn wir an das verloreneParadies eigener Jugend denken.

Im ödcn WcltgcwühleHebt W-hmuth mir die Brust,Denk' ich der KuabenspicleUnd ihrer Götlerlust.

Zu schnell verrauschte JahreDer Unbefangenheit,

Was, zwischen Wieg' und BahreGleicht eurer Seligkeit'?

Man kann eine Naivetät des Verstandes und eine des Herzensannehmen, und ohne Unschuld läßt sich -wahre Naivetät nicht wohldenken, daher sie eigentlich auch nur bei der Jugend gefunden wird.Naivetät ist die wahre unbefleckte Empfängniß, ein reines Jnngfern-kind, denn bei Bekanntschaft mit der Welt verändert sie sich in saty-rische Laune. Hauslehrer dürfen sich stets auf naive Fragen gefaßthalten. Wenn jener bei Hcrsagung des Glaubens fragt: „Was ver-stehst du unter Kreaturen?" und die Antwort erhält: „Läuse undFlöhe," so geht es noch mit, aber schon kritischer ist die Frage: „Wasist Ehebrechen?" und eine naive Antwort war das Beste: „Du wirstdies, mein Kind, erst verstehen, wenn du älter wirst? Nicht Allewissen sich zu helfen, wie Buffon, von dem ein Mädchen den Unter-schied zwischen Ochsen und Stier zu wissen verlangte; er zeigte aufeinen Haufen Kälber: „Siehe, der Stier ist ihr Vater, und der Ochseihr Onkel!" Ich weiß einen Fall, wo ein Beamter sich den Aus-druck erlaubte: „Die Naivetät des Herrn Ministers," und zur Ver-' antwortung gezogen wurde; der Referent, der im ganzen vorpuszuris nichts Naives fand, citirte das Conversationslcxikon. DiesesWerk ist doch von der größten Gemeinnützigkeit; selbst Göthe rühmt,wenn die Conversation schlecht sei, so könne man dies Lexikon zurConversation nützen.

Je sichtlicher Vorsatz, Ansprüche und Absichten werden, desto ge-