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Unsere Alten kannten die leere lächerliche Empfindsamkeit nicht,hinterließen aber Stiftungen und Denkmäler der Menschenliebe, undwo sind die Denkmäler unserer empfindsamen Zeit? Sollen es etwaunsere englischen Anlagen, Urnen, Thränenweiden, Pappelalleen sein?Ist etwa mit der gezierten Empfindsamkeit die wahre Hinweggelachtworden, so wie Satiren auf Schwärmereien ihre Grundlage, den edlenEnthusiasmus, verjagen? Es liegt in der Natur, daß die Jugendempfindsamer ist als das Alter, das männliche Geschlecht wenigerempfindsam, als das feiner orgnnisirte weibliche; selbst Griechen undRömer waren nicht so leer, wie Homers schöne Stelle, Hektors Ab-schied von Andromache, und auch einige Stellen Virgils von Didound Aeneas beweisen; aber sie blieben der Natur näher, und Empfind-samkeit ist durchaus verschieden von Empfindelei und Affeklation un-serer Werther und Siegwarte, denen die Alten einen Tritt in denHintern gegeben hätten. Das wahre Symbol meiner Zeit scheint mir diePappel zu sein, die hohe, schwankende, schatten-, geruch- nid fruchtlosePappel, deren Holz nicht einmal viel taugt, verglichen mit den erha-benen ehrwürdigen Eichen, Linden und Nnßbänmen, die unsere Vaternicht für sich, sondern für uns und die Nachkommen pflanzten.
Ich habe die Zeit unserer Empfindsamkeit durchlebt, jedoch dieSache nicht weiter getrieben, als daß ich Werthers dunkelblauen Frack,verbessert durch himmelblauen Kragen, gelbe Weste und Beinkleidermir anlegte, und die Ehre hatte, daß mein Anzug Uniform aller Pri-maner wurde; beim Abschied von der Lotte erbat ich mir ihre Busen-schleife, und mein Taschentuch, das einst ihr Nasenblnt färbte bewahrteich lange ungewaschen, bis es einst meine Mutter, mir unbewußt undunbekannt mit dem hohen Werthe, reinigte. Das erste Kloster machtenur, Siegwart zu Ehren, ungemein angenehmen Eindruck, der jedochnicht bis zu dem Wunsch ging, die Kutte zu nehmen, was eher vierzigJahre später hätte geschehen können, wenn es »och Klöster gäbe; undwie oft habe ich nicht Abends zum Clavier gesungen: „Alles schläft,nur silbern schallet Mariannens Stimme noch," jedoch nie Mondlieder-chen gedichtet. Mesine Marianne hatte nicht die mindeste Anlage zueiner Nonne, folglich noch weniger Lust, als Nonne zu sterben, und sowar ich auch nicht in Gefahr, auf ihrem Grabe sterben zu müssen imschönsten Mondschein.
Man sieht, daß bei meiner Empfindsamkeit, der Zeitmode gemäß,doch der Kopf nicht aus dem Spiele blieb und erkünsteltes Scheinge-fühl war ohnehin nie meine Sache, vielmehr mußte ich nicht selten