Der Charakter der alten Nationen, der heutigen Nomaden undder Wilden ist durch seine Einfachheit und Einförmigkeit weit leichteraufzufassen, als der Charakter der neuern Nationen, der der policirtenAbendländer nicht so leicht als der uupolicirten Morgenländer. DerCharakter der Britten und Niederländer ist leichter unter einen Ge-sichtspunkt zu bringen, als der der Deutschen, Franzosen, Italiener,Spanier und Russen wegen Verschiedenheit der Provinzen, des Kli-ma's, der Nahrung, Geschäfte, Sprache, Religion und Gesetze rc. —Wie verschieden ist der Schwabe von dem Westphalen, der Preußevom Oesterreich«, und doch heißen sie alle Deutsche; wie verschiedenist der Venetianer vom Neapolitaner; der Gascogner vom Normannenoder Lothringer; der Galizier vom Castilianer oder Catalonier; derRusse vom Finnen, Tartaren oder Kamtschadalen! Der Boden unddie Wälder Nordamerika's erlaubten den Wilden fast nichts anders,als in einzelnen Familien zu leben, wie dem Araber und Sibirier inHorden und nomadisch; Perser werden schwerlich eins, denn die WüsteKermann ist in der Mitte- Die Flüsse Sibiriens laufen ins Eis-meer ; liefen sie nach Süden, so würde es um die Kultur ganz andersstehen, und ohne die Religion würden wahrscheinlich Türken mitGriechen, und Jüden mit den Nationen, unter denen sie wohnen,längst zusammengeschmolzen sein. Unfruchtbarer Boden macht schwach,allzufruchtbarer leicht liederlich; Gebirgsgegenden im Innern machenhäuslich; Lagen am Meere und Inseln kosmopolitisch, kaufmännisch.Eine Handelsnation mächtig zur See, überredet sich leicht, daß ihreMacht ebensowenig Grenze habe als Vater Ocean. Unter denVölkern Europas macht, ohne daß man sich in Meiners Hypothesenverirrte, der celtische oder slavische Ursprung den wesentlichsten Unter-schied. Celten, die den Griechen und Römern als Riesen und Thürme,wie zur Zeit der Kreuzzüge als eherne Säulen erschienen, zeichnen sichoffenbar durch Wuchs und Tapferkeit, wie durch Geist und edlere Ge-sinnungen vor slavischen Völkern aus, und noch heute haben die letz-tern in den Fortschritten ihrer Kultur an dieser lovis notas nioeula'zu leiden!
Die Nationen Europa's haben sogar ein gewisses äußeres Natio-nalgepräge, das der geübte Blick großer Handelsstädte oder Seehäfensogleich erkennt, nicht bloß im Accente der Sprache. Es gibt Natio-nalphysiognomien unter Europäern, so gut wie unter Pferden, wennihnen gleich Lavater in seinen vier Quartanten keinen Platz einge-
t Kleiner Charakterfehter.