Die Schweizer, die uns die alten Spartaner bei Thcrmopplä versinn-licht hatten, waren nicht mehr. Zn Sempach wird am Jahrestageder Schlacht in einer auf dem Schlachtfelde erbauten Kirche die Ge-schichte der Schlacht »erlesen, aber es scheint, in neuerer Zeit hörtman sie an wie die Vorlesung von der Zerstörung Jerusalems. Nachder Schlacht von Marignano, wo die Schweizer zum ersten Male ge-schlagen, die Feldstücke auf den Schultern und die Verwundeten inihrer Mitte, stolz heimzogen, vom Feinde selbst geachtet, sank ihr Ein-fluß auf Europa, und sie selbst versanken in armselige Religionshändel,die sie zweihundert Jahre lang entzweiten, politisch-neutral, bis auchsie der Strudel der Revolution 1798 in seine Wirbel zog, weil diegroße Republik Geld brauchte zu ihrer Expedition nach Aegypten. —Der Heldenmuth und Patriotismus der Schweiz verdiente hohe Ach-tung, wenn er gleich fruchtlos war; Steiger war, was Reding beiMoorgarten, der altrittcrliche Erlach bei Laupen, Winkelried bei Scm-Pach; selbst Weiber fielen in der Schlacht, aber die alten Zeiten unddie alte Freiheit, die bei Moorgarten, Laupen und Sempach, beiNäffels und St. Jakob, bei Granson, Murten und Nancy gesiegthatten, waren nicht mehr, kein Nikolaus von der Flüe mehr, und sowurde nach dem schrecklichen Tage bei Stanz das freie Land einearme ausgesaugte französische Provinz in Räuber- und Mörderhänden,die kleine Alpenrepublik, an der so viele Europäer mit Liebe hangen,eine große politische Lawine, statt eines glücklichen Volkes von freienHirten, fleißigen Fabrikanten und reichen Kaufleuten.
Echte Schweizersitten findet man natürlich da nicht, wo es Junkerund gnädige Herrschaften gibt; man findet sie aber noch bei demAelpler oder Sennländer, der zwischen Nomaden und Landbauer inder Mitte steht. Jedes Jahr ändert er fünf- bis sechsmal seine Woh-nung von Weide zu Weide, von Haus zu Haus bis zu den höchstenAlpen, vom Mai bis in den September; dann wartet er im Dorfeden Winter ab, um den neuen Kreislauf zu beginnen. Bei dieseneinfachen Hirtenvölkern finden sich noch die Sitten unserer guten Alten;arm und zufrieden lieben sie die erhabene Natur um sich her, dieihnen Alles gibt und mehr, als was draußen in der Welt jenseitsder Berge zn finden ist, und sterben sie, so schlummern sie unter demSchatten eines Nuß- oder Lindenbaumes bei den Gebeinen ihrer Väter.Auf ihr Grab kann mau Claudians Worte setzen:
klus Ladet die vitae, plus Ladet ille vias! *
* Dieser hat mehr gelebt, jener hat länger gelebt.