Band 
[Elfter Band. - Zwölfter Band.]
Seite
82
JPEG-Download
 

82

und Mensel viel zu hoch war; er behandelte Geschichte als die rechteHand der Staatswissenschaft.

Die Geschichte hat aufgehört, ein marterndes Namen- und Zahlen-register zu sein, das so Viele zurückschreckte; keine „Weigels Welt ineiner Nuß," „Hübnerscher Katechismus," nud „Reime" und „Sinn-bilder" mehr, wo Sem vorgestellt wird durch einen Semmelnfrcffer,Ham mit einem Hammer, Japhet mit einem Dickbauch; Entropiushat ein Ei, das tropft, Codrus ist voll Koth und Ruß, und Pyrrhusvon Epirns, war er nicht wie gemacht zum Patron der Biertrinker,und statt auf dem Throne in einer Biertonne zu sitzen? Geschichteberuht nicht mehr auf dem Hersagen der Namen der Kaiser, Päpsteund Fürsten, rein chronologischer Krücken; sie ist zur erhabenen prak-tischen Lehrerin der Menschheit geworden, die uns weiser und bessermacht, indem sie uns aus der Vergangenheit die Gegenwart richtigeranschauen lehrt, folglich das beste Mittel ist zu Belebung des Geiuein-geistes und der Vaterlandsliebe. Geschichte ist jetzt, wie es Bolingbrokehaben will, Ubitosoxb/ toavbing b^ sxsmxles, oder wie Mably will,Hvols cks morste en sotioii;' und sei sie oft noch so bodenlos, immernoch ist sie solider, als die Hypothesen idealisirender Philosophen.

Mably's Dtuäs äs t'bistoirs 2 begeisterte mich einst, der ich dieGeschichte noch nach Hübner, Essig und Schrökh gelernt hatte, unddann Jselins und Herders Geschichte der Menschheit — die Geschichteder Menschheit begeistert noch mehr als die Politische Geschichte — undwen interessirte nicht erst Condorcet? Als Girondist geächtet und ver-folgt, schrieb er sein herrliches Isblssu äss xrogrss äo t'ssxrit bumsiu. bCondorcet, auf der höchsten Stufe des Unglücks, nicht ruhig im Zimmerunter seinen Büchern, sondern hernmirrend in finstern Wäldern undsich verbergend in Höhlen unter der Erde vor seinen Verfolgern, schriebdieses Werk. Er wurde entdeckt; aber man fand ihn am andernMorgen todt im Gefängniß 1793. In diesem Werke, das in keinergewählten Büchersammlung fehlen sollte, lebt er fort. Aber wemverdanken wir recht eigentlich, daß nicht mehr bloß von Schlachten,Eroberungen, Friedensschlüssen, Genealogien und Regenten ohneVerdienste die Rede ist, sondern auch vvm Volk und seinen Sitten,von berühmten Männern und ihren Erfindungen, von nützlichenBüchern, von Handel und Fabriken? Zunächst doch Voltaire, ob ergleich in der Geschichte nicht ganz mit Unrecht am verschrieensten ist.

1 Philosophie, welche durch Beispiele belehrt. — Schule der ausübenden Moral. —r Studium der Geschichte. — » Gemälde der Fortschritte des Menschengeistes.