118
Wissenschaften veredeln den Verstand, und das Vergnügen amFinden der Wahrheit entschädigt für Vieles; aber Künstler huldigenin der Regel bloß der Imagination; Wissenschaften bekümmern siewenig. Kunst! Kunst! und daher antwortete auch jener reisende Vir-tuose einem Fürsten auf seine Frage: „Sie sind ein Litcratns?" —„Halten zu Gnaden, ich bin ein Böhme." Hierin liegt auch wohldie Ursache, daß Künste nirgendswo besser fortkommen, als in Län-dern, wo man nicht denken darf, wie in Italien, oder nicht denkenmag, wie in — Indessen fand man nicht selten auch in Klöstern, diedoch der Kunst huldigten, oft die besten Werke auf Heuböden, vorFensteröffnungen, wie in Spanien die treffliche Büste Caligula's alsUhrgewicht.
Genie! Genie! ist das Zauberwort, das selbst Künstlersper-linge im Munde führen, und ohne Genie läßt sich ein wahrer Sohnder Kunst kaum denken. Der Sohn der Kunst sieht die Natur schöner,gerade wie der Verliebte sein Mädchen schöner sieht, als sie ist, undZeuxis, von dem man behauptet, daß er das Schönste jedes Mädchensin ein Ganzes verarbeitete (was nicht wohl angeht), sammelte ver-muthlich wohl die Schönen um sich her, um seine Phantasie zu beleben. *Dem Parrhasins erschien Herkules, den er malen sollte, im Traume,wie Dannecker Christus; aber wenn kraft dieser Phantasie ein Vernetim Sturme, der Matrosen zum Beten bringt, ausruft: Ltranäs vioux,gno o'est bsan! r so glauben wieder gewisse Geiger und Pfeifer Thiere,Felsen und Steine, gleich einem Orpheus zu bewegen, während sie nichtsbewegen als Fidelbogen und Mund, oder winseln über Männer, die sienicht soffen, wie jener versoffene Maler: „Lieben Sie Vernet?" — „Jawohl!" und zeigte auf sein leeres Glas (Vor not). Wenn Claude Lor-rain von Meistern der Schneider-, Maurer- und Pastctenbäckerzunftentlassen wurde, weil er so dumm sei, zu Rom aber im Palast einesCardinals beim Anblick der großen Werke der Kunst, eine Kohle er-greift, und eine so tüchtige Zeichnung entwirft, daß ihn der Cardinalauf der Stelle in eine Zeichnungsschule gehen läßt, so würden dafürwieder hundert bloß eingebildete Claude Lorrains die herrlichstenSchneider, Maurer und Pastetenbäcker abgeben können; von solchenHerren rührt es eigentlich, daß die Kunst betteln geht nnd das Hand-
* Imagination ist die Göttin der Künste, und so leitet auch sie mich, wenn ich dieRuine einer alten Burg besteige, in das Mittelalter; ich bewundere die festen Mauernder vielleicht schon vor hundert Jahren zerstörten Burg und lächle über unsere Zucker-Läckerhäuschen!
i Große Götter, wie schön ist das!