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Liebelt mit fortgerissen, der auch nicht zu begreifen schien, warum ihndie Berliner Märzkämpfer aus dem Kerker befreit hatten.
Der Kongreß erließ ein Manifest, das die Gleichberechtigung allerNationalitäten verkündigte, womit nichts Neues gesagt war. Damit wäreder ganze Spektakel, dem die russischen Knuten-Staatsmänner mit grimmigerFreude zusahen*), vorläufig zu Ende gewesen. Allein der revolutionäreZug der Zeit führte auch hier zu einem Ausbruch. Die thatendurstigeund feurige Jugend der großen und kleinen Bourgeoisie von Prag,namentlich die Studentenschaft, war erbost darüber, daß deutsche Philisterin Prag einen Verestn für „Ruhe und Ordnung" gegründet hatten. Inden Czechen stak viel demokratischer Radikalismus neben nationalemFanatismus, und der Fürst von Windischgrätz, der in Prag die öster-reichischen Truppen befehligte, war gerade der Mann, dies ungestümeVolk zu reizen. Er galt als der Typus des brutalen Junkerthums undman sagte ihm nach, sein Leibspruch sei: „Der Mensch fängt erstbeim Baron an"; auch sollte er einmal geäußert haben, die Kinderdes Bürgers und Arbeiters würden nicht geboren, sondern nur geworfen!Man mag ihm, wie fast immer in solchen Fällen, Uebertriebenes angedichtethaben; Thatsache ist, daß er als Vollblut-Aristokrat auftrat und handelte.Als Slave trat er seinen Landsleuten nicht so herausfordernd gegenüber,wie er später gegenüber der deutschen Bewegung in Wien that; aber erdiente der schwarz-gelben Politik der Camarilla von Wien und Innsbruck.Ob nun die demokratischen Czechenführer mit dem Präger Aufstand diePläne der czechischen Aristokratie durchkreuzen oder ob die Czechen alle-sammt ihr revolutionäres Fieber austoben wollten — genug, es ging los.
Die Bevölkerung war bewaffnet, denn die Behörden hatten früherschon mehrere tausend Gewehre abgegeben, und sie strömte am Morgendes 12. Juni, am Pfingstmontag, an der Bildsäule des czechischen Schutz-heiligen Wenzel zusammen, Bourgeoisie, Studenten und Arbeiter; auchdie letzteren hatte man fanatisirt und bewaffnet, denn hier kämpften sieja nicht für ihr Klasseninteresse, sondern für die national-slavische Sache.Sie ließen sich in ihrer Unerfahrenheit von der Bourgeoisie ins Schlepptaunehmen. Heute kümmern die aufgeklärten czechischen Arbeiter sich nichtsmehr um den unseligen Nationalitätenstreit. Es wurde ein czechischesHochamt gelesen. Windischgrätz, der schwarz-gelbe Junker, wurde alsVertreter einer „deutschen Politik" dargestellt und schließlich bewegte sichein Zug zu einer friedlichen Demonstration vor das Palais des Fürsten.
*) Soll doch einer der Czechenführer die Aeußerung gethan haben: „TausendMal lieber die russische Knute, als die deutsche Freiheit!"