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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Erster Abschnitt.

Dass Lucrez noch mancherlei Quellen benutzt, den Empedoklesfleissig studirt und vielleicht im naturhistorischen Th eile sogar manchesaus eigener Beobachtung hinzugefügt habe, wollen wir nicht leugnen;man darf aber auch hier nicht vergessen, dass wir nicht wissen, wasdie verlorenen Bücher Epikurs für Schätze enthielten. Fast alle Be-urtheiler stellen das Lehrgedicht des Lucrez unter den Productionendes voraugusteischen Zeitalters an Genialität und Kraft der Dar-stellung obenan; dagegen ist doch der didactische Theil oft trockenund lose, oder durch schroffe Uebergänge mit den poetischen Schil-derungen verknüpft.

In der Sprache ist Lucrez in hohem Grade alterthümlich rauhund einfach. Die Dichter des augusteischen Zeitalters, die sich sonstüber die rauhe Kunst ihrer Vorgänger weit erhaben fühlten, ehrtenden Lucretius sehr. Virgil hat ihm die Verse gewidmet:

Felix, qui potuit rerum cognoscere causasAtque metus oirmes et inexorabile fatumSubjecit pedibus strepitumque Acherontis avari.

So hat denn auch Lucrez ohne Zweifel auf die Ausbreitung derepikureischen Philosophie unter den Römern mächtig gewirkt. IhrenHöhepunkt erreichte dieselbe unter der Regierung des Augustus, dennwenn auch damals kein Vertreter wie Lucrez mehr da war, so warendoch alle jene heiteren Geister der Dichterkreise, die sich um Mä-cenas und Augustus schaarten, vom Geist dieser Philosophie berührtund geleitet.

Als aber unter Tiberius und Nero Greuel aller Art an’s Lichttraten und fast jeder Genuss durch Gefahr oder durch Schande ver-giftet ward, da traten die Epikureer zurück, und in dieser letztenZeit der heidnischen Philosophie waren es vorzugsweise die Stoiker,die den Kampf gegen Laster und Feigheit aufnahmen und mit un-bekümmertem Muth, wie ein Seneca, ein Pätus Thrasea, den Ty-rannen als Opfer fielen.

Ohne Zweifel war auch die epikureische Philosophie in ihrerReinheit, und namentlich in der Ausbildung, die der charakterstarkeLucrez ihr gegeben hatte, ganz dazu angethan, eine solche Erhaben-heit der Gesinnung zu verleihen; allein gerade die Reinheit, Stärkeund Kraft der Auffassung, welche Lucrez bewährte, wurde dieserSchule selten und vielleicht seit Lucrez bis auf unsere Tage niewieder zu Theil. Es verlohnt sich deshalb wohl der Mühe, dasWerk dieses merkwürdigen Mannes noch etwas näher zu betrachten.