Der Materialismus im Alterthum.
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VI. Das Lehrgedicht des Titns Lucretius Carns über die Natur.
Die Einleitung des Werkes bildet eine in bilderreicher Mytho-logie und klarer Gedankentiefe durchgeführte Anrufung der GöttinVenus, der Spenderin des Lebens, des Gedeihens und des Friedens.
Hier haben wir gleich die eigenthümliche Stellung des Epikureerszur Religion. Ihre Ideen nicht nur, sondern auch ihre poetischenGestaltungen werden mit unverkennbarer Andacht und Innigkeit vondemselben Manne benutzt, der es unmittelbar darauf, in der obeninitgetheilten Stelle, als wichtigsten Punkt seines Systems voranstellt,dass es die schmachvolle Götterfurcht beseitige. Der altrömischeBegriff der „religio“, welcher trotz der Ungewissheit der Etymologiedoch sicher eben das Element der Abhängigkeit und Gebundenheitdes Menschen gegenüber den göttlichen Wesen hervorhebt, muss natür-lich für Lucrez gerade das umfassen, was ihm das Verwerflichsteist. Lucrez ruft also die Götter an und bekämpft die Religion, ohnedass in dieser Beziehung auch nur ein Schatten von Zweifel oderWiderspruch in seinem Systeme zu entdecken wäre.
Nachdem er gezeigt hat, wie durch die freien und kühnen For-schungen des Griechen (damit ist Epikur gemeint, Demokrit wird vonunserm Dichter auch gefeiert, doch steht er ihm ferner) die Religion,die ehemals den Menschen grausam unterdrückte, zu Boden geworfenist und mit Füssen getreten wird, wirft er die Frage auf, ob denndiese Philosophie nicht auf den Weg der Unsittlichkeit und des Ver-brechens führe.
Er zeigt, wie im Gegentheil die Religion die Quelle der grösstenGreuel sei, und wie gerade die unverständige Furcht vor ewigenStrafen die Menschen bewege, Lebensglück und Seelenfrieden denSchrecknissen der Seher zum Opfer zu bringen.
Dann wird der erste Grundsatz entwickelt, dass Nichts jemalsaus dem Nichts entstehe. Dieser Satz, den man heutzutage eher alserweiterten Erfahrungssatz hinnehmen würde, soll, ganz entsprechenddem damaligen Standpunkte der Wissenschaften, vielmehr aller wissen-schaftlichen Erfahrung als heuristisches Priucip zu Grunde gelegt wer-den. Wer da wähnt, es entstehe etwas aus Nichts, kann sein Vor-urtheil jeden Augenblick bestätigt finden. Erst wer vom Gegentheilüberzeugt ist, hat den richtigen Geist des Forschens und wird dannauch die wahren Uraschen der Erscheinungen entdecken. Bewiesenwird der Satz aber durch die Betrachtung, dass, wenn Dinge aus