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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Erstes Buch. Erster Abschnitt.

noch kolossaleren Leistungen der Orientalen mehr durch grossartigeVerwendung von Zeit und Menschenkraft unter dem Druck despo-tischer Dynastieen zu Stande gekommen sind.

Die wissenschaftliche Medicin, gipfelnd in Galenits aus Per-gamus, hatte das körperliche Leben in seinem schwierigsten Element,der Nerventhätigkeit, bereits aufgeklärt. Das Gehirn, früher alstodte Masse betrachtet, deren Nutzen man noch weniger einsah, alsdie Neueren den der Milz, war zum Sitz der Seele und der Func-tionen der Empfindung erhoben worden. Sömmering fand im vorigenJahrhundert die Gehimlehre noch fast auf demselben Punkte, woGalen sie gelassen. Man kannte im Alterthum auch die Bedeutungdes Rückenmarks, man wusste, Jahrtausende vor Cli. Bell, Empfin-dungs- und Bewegungsnerven zu unterscheiden, und Galen heilteLähmungen der Finger zum Staunen seiner Zeitgenossen durch Ein-wirkung auf diejenigen Tlieile des Rückenmarks, denen die betreffen-den Nerven entspringen. Kein Wunder, dass Galen auch die Vor-stellungen schon als Resultate der Zustände des Körpers ansah.

Sehen wir so nach allen Seiten Erkenntnisse sich sammeln, dietief in das Wesen der Natur eindringen und die Annahme der Ge-setzmässigkeit alles Geschehens schon im Prineip voraussetzen, somüssen wir nunmehr die Frage stellen: Welchen Antheil hat derMaterialismus des Alterthums an der Erzielung dieser Kenntnisse undAnschauungen ?

Wir setzten in einem früheren Abschnitte die materialistischePhilosophie in einen bestimmten Zusammenhang mit d§m Beginn dergelehrten Specialforschung im grossen Ganzen. Hier ist unsere Auf-gabe eine andere. Dort wurde darauf hingewiesen, wie der Materia-lismus als erste und letzte Form systematischer Philosophie zwar dietieferen speculativen Systeme in die Mitte nimmt, aber zugleich den natur-gemässen Uebergang bildet zu der grossen Epoche der Specialforschung.

Es handelte sich darum zu zeigen, wie mit dem Materialismusnicht die geistige Nacht hereiubrach, sondern eine Zeit, welche dasLicht zwar nicht mehr so bestimmt in einzelne Brennpunkte sammelt,wohl aber im Ganzen eine ungleich grössere Fülle von Licht erzeugt,als die vorhergehende Periode. Hier handelt es sich um die Frage,wie sich in den einzelnen Erfindungen und Entdeckungen und in denLichtblicken wahrer Theorie die materialistische Schule gegenüberden anderen erweist. Da springt denn schon bei einem flüchtigenUeberblick ein höchst eigentümliches Resultat in die Augen.