Die Uebergangszeit.
73
lloraz und in reicher Auswahl Juvenal und Petronius *sie schildern,die in Lastern der unnatürlichsten Art mit dreister Stirn einher-schritten: und wer schützte die arme Philosophie, wenn solche Elendesich den Namen Epikurs, wo nicht gar den der Stoa vindicirten?
Die Verachtung des Pöbelglaubens ward hier zur Maske derinneren Hohlheit, der völligen Leere an allem Glauben und an allemwahren Wissen; das Lächeln über die Idee der Unsterblichkeit wardeine Devise des Lasters; aber das Laster ruhte auf den Zeitverhält-nissen und hatte sich trotz der Philosophie, nicht durch sie ge-bildet.
Und in diesen nämlichen Schichten fanden die Priester der Isis,die Thaumaturgen und Propheten mit ihrem gauklcrischcn Gefolgeeine reiche Nahrung; gelegentlich auch die Juden einen Proselyten.
Die völlig ungebildete niedere Menge theflte in den Städten denCharakter der Charakterlosigkeit mit den Grossen in ihrer Halb-bildung. Daher entstand denn in diesen Zeiten in höchster Bliithejener sogenannte praktische Materialismus, der Materialismus desLebens.
Auch auf diesem Punkte bedürfen die herrschenden Begriffe einerAufklärung. Es giebt auch einen Materialismus des Lebens, der,von den einen geschmäht, von den andern gepriesen, sich doch nebenjeder praktischen Richtung von andern Charakter darf blicken lassen.
Wenn das Streben nicht auf flüchtigen Genuss, sondern auf wirk-liche Vervollkommnung der Zustände gerichtet ist, wenn die Energiedes materiellen Unternehmungsgeistes geleitet ist durch eine kläreBerechnung, die bei Allem die Grundlage bedenkt und daher zumZiele kommt: dann entsteht jener riesige Fortschritt, der in unserenTagen England binnen zwei Jahrhunderten gross gemacht hat, der inAthen zur Zeit des Perikies mit der höchsten Bliithe geistigen Lebens,die je von einem Staate erreicht worden ist, Hand in Hand ging.
Ganz anders war der Materialismus Roms zur Zeit der Kaiser,der sich in Byzanz und Alexandria und in allen Hauptstädten desReichs wiederholte. Auch hier beherrschte die Frage nach Geld diezersplitterten Massen, wie Juvenal und schon lloraz es in schneiden-den Zügen schildern; allein es fehlten die grossen Principien derHebung nationaler Kraft, der gemeinnützigen Ausbeutung natürlicherHülfsquellen, welche eine materielle Zeitrichtung adeln, weil sie zwarvom Stoff ausgehen, aber an ihm die Kraft entwickeln. Dieseswäre der Materialismus des Gedeihens; Rom kannte den des Fauleng;