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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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91
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Die Uebergangszeit.

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Es kommt auch zu dieser gedachten Möglichkeit nichts hinzu,um Wirklichkeit daraus zu machen, ausser in unserem Denken.

„Hundert wirkliche Thaler,“ sagt Kant, „enthalten nicht dasMindeste mehr als hundert mögliche.“

Dieser Satz könnte einem Geldspeculanten zweifelhaft, wo nichtunsinnig scheinen. Wenige Jahre nach Kants Tode (Juli 1808) gabman in Königsberg für einen Tresorschein von 100 Thalern kaum 25.100 wirkliche Thaler galten also in der Vaterstadt des grossen Phi-losophen mehr als 400 bloss mögliche Thaler, und es könnte scheinen,als «ei Aristoteles mit allen Scholastikern bis auf Wolff und Baum-garten glänzend gerechtfertigt. Der Tresorschein, der für 25 wirk-liche Thaler zu haben ist, stellt 100 mögliche Thaler dar. Sehenwir aber genauer zu, so wird freilich die sehr gefährdete Aussichtauf einstige baare Auszahlung der 100 Thaler für 25 hingegeben;dies ist daher der wirkliche Werth der betreffenden Aussicht, unddaher auch der wirkliche Werth des Scheines, welcher die Aussichtverleiht. Der Gegenstand dieser Aussicht bleiben aber nach wievor die vollen 100 Thaler des Nominalwerthes. Dieser Nominalwerthstellt den Betrag dessen dar, was als möglich, mit einer Wahrschein-lichkeit von */i, erwartet wird. Der wirkliche Werth hat mit demBetrage des Möglichen nichts zu tliun. Sonach hätte Kant voll-ständig recht.

Kant wollte aber mit diesem Beispiel noch etwas mehr sagen,-und auch darin hat er recht. Als nämlich unserem Speculanten nachdem 13. Januar 1816 seine hundert Thaler baar ausbezahlt wurden,da kam zu der Möglichkeit nicht noch etwas hinzu, so dasssie nun Wirklichkeit wurde. Die Möglichkeit, als das bloss Gedachte,kann nun und nimmer in Wirklichkeit übergehen, sondern die Wirk-lichkeit ergiebt sich aus vorhergehenden wirklichen Umständen mitvoller Bestimmtheit. Neben der Herstellung des Staatskredits undanderen Verhältnissen gehört dazu auch die Präsentation eines wirk-lichen Tresorscheines — nicht der „möglichen“ hundertThaler; denn diese sind nur im Gehirn desjenigen, der sich einenTheil der Umstände, welche auf die Auswechselung des Papierstücksfür Silber Einfluss haben, vorstellt, und diese Vorstellung zum Aus-gangspunkt seiner Hoffnungen, Befürchtungen und Reflexionen macht.

Vielleicht wird man uns die Breite dieser Erörterungen verzeihen,wenn wir um so kürzer noch einmal darauf hinweisen, dass der Be-griff der Möglichkeit die Quelle der meisten und schlimm-